Montag, 14. August 2017

Förderplanung

Förderplangespräch mit der Sonderpädagogin DES MÄDCHENS.
Diesmal möchte die Mutter besonders über den Entwicklungsstand im Rechnen sprechen.
„Ja, aber wichtig ist mir auch noch, dass Fähigkeiten aus dem lebenspraktischen Bereich zu Hause geübt werden“, sagt die Sonderpädagogin.
„Alltag lebt meine Tochter mit uns ja sowieso jeden Tag“, antwortet die Mutter, „extra Üben ist da nicht notwendig.“
„Oh, sagen Sie das nicht“, entgegnet die Sonderpädagogin, „ich habe festgestellt, dass Ihre Tochter nicht gut spülen und abtrocknen kann!“
Die Mutter ist irritiert: „Wir haben zu Hause eine Spülmaschine. Und die kann meine Tochter genauso gut ein- und ausräumen wie ihre Schwester, die aufs Gymnasium geht.“
„Trotzdem wäre es gut, wenn Sie mit ihr spülen und abtrocknen üben würden“, beharrt die Sonderpädagogin.
Die Mutter schüttelt verständnislos den Kopf. „Aber warum?“, fragt sie.
„Wissen Sie“, erklärt die Sonderpädagogin, „nicht in allen Wohngruppen gibt es Spülmaschinen. Es kann schon sein, dass Ihre Tochter in eine ohne Spülmaschine kommt.“
„Gut“, sagt die Mutter, „dann verpflichten wir uns jetzt schriftlich, auf eigene Kosten eine Spülmaschine in eine Wohngruppe einbauen zu lassen, falls unsere Tochter jemals dort einziehen möchte. In Ordnung? Können wir jetzt bitte über Mathematik sprechen?“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 7. August 2017

Mamas Seele

Die Mutter DES JUNGEN ist geschafft.
Heute war einfach alles zu viel.
Die sonderpädagogische Versorgung an der allgemeinen Schule, in die der Junge geht, ist im nächsten Schuljahr wieder mal völlig ungeklärt.
Dann hat sie heute lange mit einer anderen Mutter diskutiert, deren Kind mit Behinderung in einer Sondereinrichtung lebt. Begründung: Es soll nicht den Blicken der Menschen auf der Straße ausgesetzt sein.
Und dann ist abends, als die Mutter sich im Garten etwas entspannen wollte, eine Brombeere beim Pflücken direkt auf ihre helle Hose gefallen.
Nun sitzt sie frustriert am Küchentisch.
Der Junge kommt mit seinem Kinder-Arztkoffer. Er will helfen: Er guckt der Mutter in die Ohren, horcht sie ab und prüft mit dem Hammer die Reflexe.
Er findet nichts. „Wo bist du denn krank?“, fragt er die Mutter.
„Nicht am Körper, Schatz“, sagt die Mutter, „ein bisschen an der Seele.“
Da holt der Junge ein großes Pflaster aus der Küchenschublade, geht damit zur Mutter und klebt es ihr mitten auf den Bauch.
„Da sitzt Mama Seele?“, fragt der Vater lachend, als er in die Küche kommt, „bist du sicher?“
„Ja!“, sagt der Junge entschieden.
Am nächsten Morgen geht es der Mutter wieder deutlich besser.

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Montag, 31. Juli 2017

Bedingungen

Der Vater DES JUNGEN sitzt verzweifelt im Büro des Kindergarten-Trägers.
„Warum wird mein Sohn nicht aufgenommen?“, fragt er. „Er braucht doch nur einen Rollstuhl. Und hier gibt es noch nicht einmal Treppen. Sie schreiben im Internet: Wir sind eine inklusive Einrichtung. Jedes Kind ist willkommen. Und jetzt lese ich hier: „Fehlende Rahmenbedingungen!“
Er zieht das Schreiben des Trägers aus der Tasche.
Der Verwaltungsleiter nickt verständnisvoll.
„Ich hatte eben schon versucht, es Ihnen zu erklären: Die Stadt verlangt, dass wir auch behinderte Kinder nehmen. Dann wird die Gruppe zwar verkleinert. Aber natürlich wollen wir so viel Hilfe, wie wir bekommen können. Darum: Gehen Sie noch einmal zum Sozialamt. Sie dürfen da gerne ein bisschen übertreiben. Jammern Sie ruhig, wie wenig Ihr Sohn kann! Sagen Sie, 3 x 2 Stunden, wie jetzt schon bewilligt, sind zu wenig. Sie brauchen jemanden, der ihren Sohn durchgehend unterstützt.“
Dann steht der Verwaltungsleiter auf und schüttelt dem Vater zum Abschied die Hand:
„Und wenn Sie die Bewilligung der 1:1-Betreuung haben, dann kommen Sie wieder. Dann nehmen wir Ihren Sohn sehr gerne!“

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Montag, 24. Juli 2017

Prognosen

Die Mutter bekommt ein kleines Video per whatsapp geschickt.
Direkt von der Abschlussfahrt DES JUNGEN.
Zu sehen ist eine hohe Brücke über einem rauschenden Fluss.
Unter der Brücke hängen in gut zwanzig Meter Höhe an Seilen viele bunte Punkte, die sich bewegen.
Es sind, gut gesichert und mit Helm, die Kinder der Klasse. Ganz rechts der lila Punkt ist der Junge.
Adventure-Tour als Vorbereitung auf einen neuen Lebensabschnitt. Viel Action, viel Outdoor, Erlebnispädagogik.
Die Mutter denkt zurück:
An den Gynäkologen, der dem Jungen wegen seines Herzfehlers das Leben und Leiden ersparen wollte.
An die Nachbarn, die prophezeiten, ein behindertes Kind würde die Ehe zerstören und sei doch auch furchtbar für den älteren Bruder.
An die Kindergartenleiterin, die den lange zugesagten Platz über Nacht kündigte, weil der Junge mit drei Jahren noch nicht alleine laufen konnte.
An den Grundschullehrer, der sich für überfordert erklärte, den Jungen in die Fußball-AG aufzunehmen.
Dann lässt sie das Handy sinken.
Wer es da hoch schafft, der schafft es auch noch viel weiter.  Da ist sie sich ganz sicher.
Und ist für ein paar Momente einfach nur glücklich und stolz.
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Montag, 17. Juli 2017

Die Anmeldung

Dieses Jahr wird DAS MÄDCHEN eingeschult.
Es freut sich schon sehr, auch auf den Anmeldetag an der Grundschule.
Die Schulleiterin erzählt von der Theater-AG, von den tollen Ausflügen…
Dann gilt es, einen Stapel Formulare auszufüllen.
Als die Eltern des Mädchens die Formulare bei der Schulleiterin abgeben, erzählen sie von der Diabeteserkrankung ihrer Tochter und wie gut sie damit schon alleine zurechtkommt. Dass sie selbst auf ihr Essen achtet und den Blutzucker misst. Nur beim Ablesen der Werte braucht sie noch Hilfe.
Die Schulleiterin sieht von Satz zu Satz entsetzter aus: „Ach, das arme Kind!“, sagt sie, „wie schrecklich und alles so schrecklich kompliziert!“
„Naja“, entgegnet der Vater, „so kompliziert ist es nicht. Bald kann sie alles alleine. Bis dahin können wir auch einen Pflegedienst beauftragen, der für die Insulingabe, die Essensberechnung und das Blutzuckermessen verantwortlich ist.“
„Aber gibt es nicht auch so etwas wie einen Zuckerschock?“ Die Schulleiterin ist kein bisschen beruhigt.
„Ja, den gibt es, kommt aber im Normalfall nicht vor“, schaltet sich die Mutter ein, „das erklären wir den Lehrern ganz genau. Dafür gibt es klare Notfallanweisungen. Damit ist der Kindergarten auch sehr gut zurechtgekommen.“
Die Schulleiterin schüttelt den Kopf und schiebt den Eltern den Formularstapel wieder zurück: „Nein“, sagt sie energisch, „so etwas will ich an meiner Schule nicht! Dafür gibt es Sonderschulen für Kinder mit Körperbehinderung. Melden Sie Ihre Tochter bitte dort an. Da ist die arme Kleine genau am richtigen Platz!“
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Montag, 10. Juli 2017

Die Kerzenleuchter

DER JUNGE ist Messdiener.
Bislang hat er immer nur die Kollekte einsammeln dürfen.
Jetzt ist es Zeit für neue Aufgaben.
Je ein Messdiener mit großen Kerzenleuchtern in der Hand steht immer rechts und links vom Pfarrer, wenn der das Evangelium vorliest.
Wird der Junge das hinbekommen?
Was passiert, wenn ihm der Leuchter zu schwer wird? Wenn doch einmal Wachs auf seine Hand tropft, was er gar nicht mag?
Die Leiter der Messdienergruppe haben eine Idee:
Einer der älteren Messdiener stellt sich einfach neben den Jungen, um ihm im Falle eines Falles den Kerzenleuchter abzunehmen.
Und damit das nicht irgendwie komisch aussieht, stehen heute auf der anderen Seite neben dem Pfarrer auch mal zwei Ministranten.
Alles klappt prima. Erst ganz am Ende des Evangeliums gibt der Junge seinen Leuchter dem Messdiener neben ihm.
Nach dem Gottesdienst ist er sehr stolz und zufrieden.
Ob wohl jemandem etwas aufgefallen ist, fragt sich die Mutter.
Vor der Kirche wird sie von einer älteren Dame angesprochen.
„Schön war’s heute“, sagt sie, „und so besonders feierlich!“
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Montag, 3. Juli 2017

Glück

Die Sonderpädagogin kommt einmal in der Woche.
Jeden Donnerstag, drei Schulstunden lang.
Dann muss DER JUNGE immer ganz ordentlich auf seinem Spezialstuhl sitzen.
Das hasst er, genauso wie er diesen Stuhl hasst.
Oft geht sie mit ihm raus, damit er feinmotorische Übungen macht.
Er würde lieber mit den anderen Kopfrechnen üben. Das kann er richtig gut.
Einmal sollte er sich vor die Klasse stellen und von seiner Behinderung erzählen.
Das wollte er aber nicht.
Heute ist wieder Donnerstag.
Die Sonderpädagogin kann heute nicht.
Sie muss zum pädagogischen Tag ihrer Schule.
Die anderen Kinder umringen ihn aufgeregt.
„Heute ist Dein Glückstag“, sagen sie.
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Montag, 26. Juni 2017

Schulpflicht

Jedes Jahr vor den Sommerferien verschickt die Schulleitung ein Rundschreiben.
Darin steht:
Eltern dürfen die Ferien nicht eigenmächtig verlängern.
Bei einem Verstoß ist die Schule gezwungen, ein Ordnungswidrigkeitsverfahren einzuleiten.
In Extremfällen kann die Verletzung der Schulpflicht sogar mit Freiheitsstrafe geahndet werden.
DER JUNGE darf jetzt schon seit sechs Wochen nicht mehr in die Schule gehen.
Der Integrationshelfer ist ausgefallen.
Die Eltern suchen verzweifelt nach einer Lösung.
"Nein", sagt der Schulleiter, "der eigene Vater als Krankheitsvertretung, das geht natürlich nicht."
"Nein“, sagt der Sonderpädagoge, "wir können da nicht aushelfen, die Sonderschule hat keine Ressourcen, und ohne Begleitung kann das Kind den Unterricht eben nicht besuchen."
"Nein", sagt der Vertreter des Anbieters für Schulbegleitungen, "wir suchen ja, aber eine Krankheitsvertretung steht leider nicht zur Verfügung."
"Nein“, sagt die Mitarbeiterin des Sozialamts, "wir können da nichts machen. Das ist Aufgabe des Anbieters. Wir zahlen nur."
" Nein“, sagt das Schulamt,  "das ist eine schwierige Situation, lauter Sachzwänge... Wir wollen uns da nicht zu sehr einmischen."
Das Rundschreiben haben die Eltern des Jungen in der Küche an die Pinnwand geheftet.
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Montag, 19. Juni 2017

Projekte

DAS MÄDCHEN ist in der ersten Klasse. Es hat andere Lernziele als die Grundschulkinder. Schulleiter, Klassenlehrerin, Eltern und Sonderpädagogin treffen sich zur Planungsrunde.
Der Start ist gelungen. Da sind sich alle einig. Die Klassenlehrerin wünscht sich mehr Unterstützung beim Anpassen des Lernstoffes für das Mädchen. „In Deutsch zum Beispiel…“ setzt sie an.
Die Sonderpädagogin unterbricht sie: „Da muss ich ein wenig die Erwartungen bremsen…“, sagt sie.
Und dann holt sie aus: Sie freut sich, als Fachfrau die Schule zu begleiten. Natürlich wäre es gut, wenn es mehr als nur 4 Stunden seien. Da müsse sie nun einmal Schwerpunkte setzen. Es gebe ja so viele tolle Projekte, die eine inklusive Beschulung unterstützen. Und dann zählt sie auf:
„Ich plane ein Anti-Mobbing-Projekt für die Klasse, damit das Mädchen niemals zum Mobbingopfer wird. Parallel dazu bereite ich ein Kunstprojekt vor, bei dem das Mädchen seine kreativen Potentiale entfalten kann. Und dann informiere ich mich gerade über ein Sportprojekt, bei dem die sozialen Fähigkeiten der Mitschüler gesteigert werden.“
Die Klassenlehrerin murmelt noch etwas von „Mathematik“, aber da hat die Sonderpädagogin schon energisch gesagt: „Mehr geht jetzt wirklich nicht!“
Bei der Verabschiedung drückt der Schulleiter den Eltern fest die Hand. „Kriegen wir schon irgendwie hin…“, sagt er leise und seufzt.

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Montag, 12. Juni 2017

Große Schwester

Die große Schwester DES JUNGEN geht bald in die weiterführende Schule.
Aber wo? Gemeinsam mit ihrer Mutter stellt sie sich bei einer Privatschule vor.
Der Direktor führt das Gespräch mit ihr.
Er ist sehr nett.
Die Mutter hört nur zu.
Nachdem es um Lieblingsfächer und Hobbys gegangen ist, fragt der Direktor, ob das Mädchen etwas von zu Hause erzählen möchte.
Sie erzählt von ihren Eltern und von ihrem Bruder.
„Der ist etwas anders…“, sagt sie.
„Der ist auch in meiner Schule, aber…“
Sie stockt.
„Der hat…“, fängt sie noch mal an und guckt hilfesuchend zu ihrer Mutter.
„Du weißt doch, wie das heißt“, sagt die Mutter.
„Na ja“, versucht das das Mädchen zu erklären, „der hat…
der hat Inklusion!“
Der Direktor lächelt.
„Das finde ich super!“, sagt er.

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