Montag, 16. Oktober 2017

Die Lehrprobe

In der Klasse des MÄDCHEN ist Lehrprobe.
Die junge Lehrerin ist ziemlich aufgeregt.  Man hatte ihr gesagt, eine Lehrprobe mit dem Mädchen sei besonders schwer.  Aber sie hatte einfach alle Kinder gebeten, richtig gut mit zu machen. Im Klassenzimmer sitzen heute die Schulleiterin und noch zwei weitere wichtige Menschen. Die  Klasse liest gerade "Die kleine Hexe". Die Lehrerin hat dazu viel vorbereitet: Die Kinder teilen sich in Gruppen auf. Sie schreiben zusammen eine Hexenzeitung. Jede Gruppe macht eine eigene Seite auf einem Plakat. Das Mädchen kann noch nicht viel lesen und schreiben. Also schneidet es die passenden Bilder aus. Dann ist gemeinsame Redaktionssitzung. Die Kinder lesen sich gegenseitig ihre Zeitungsseiten vor. Auch das Mädchen liest zwei Überschriften. Am Ende singen alle zusammen das Hexenlied.
Dann ist die Stunde vorbei. Die wichtigen Menschen sehen ziemlich zufrieden aus. Später werden sie sagen: „Das war vorbildlich, wie wirklich alle Kinder mitgemacht haben!“
Bevor die Lehrerin mit den anderen Erwachsenen aus der Klasse geht, kommt noch eine Schülerin auf sie zu. „Du…“, sagt sie, „können wir jetzt jedes Mal so schönen Deutsch-Unterricht machen?“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 9. Oktober 2017

Die Kooperationsklasse

„Kooperationsklasse“ heißt die Klasse, die der JUNGE jetzt besucht.
Die Sonderschulklasse kooperiert mit einer 5. Klasse an der allgemeinen Schule.
Das sei die einzige Möglichkeit für weiteren gemeinsamen Unterricht nach der Grundschule, hatte der Schulrat erklärt.
Neben dem Klassenzimmer gibt es einen sogenannten Differenzierungsraum.
Dort sollen die Kinder mit Behinderung einzeln gefördert werden, immer dann wenn der gemeinsame Unterricht „pädagogisch keinen Sinne macht“.
Der Sonderpädagoge und die Lehrer würden das jeweils situativ entscheiden.
Deshalb könne man vorher auch keine Quote festlegen.
Die Eltern des Jungen hatten schließlich zugestimmt.
Das Schuljahr beginnt mit zwei Kennenlerntagen: Spiele, eine Kletteraktion und gemeinsames Grillen.
Heute bringt der Junge den Stundenplan mit nach Hause.
Die Mutter liest: "Kooperative Stunden sind blau gekennzeichnet“.
Die Mutter schaut sich den Plan genauer an: Alles ist weiß mit schwarzer Schrift gedruckt - ausnahmslos von Montag bis Freitag. Sie wird immer ratloser.
Doch dann entdeckt sie Donnerstag nachmittags von 14 bis 15.30 Uhr ein kleines Sternchen. Im Erklärungstext darunter steht: "Kunst im Wechsel alle 14 Tage mit Musik".
Und das Kästchen um Musik ist blau unterlegt.
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Montag, 2. Oktober 2017

Passt

„Wir suchen mit Ihnen gemeinsam die passende Schule für Ihr Kind“, steht im Flyer des Staatlichen Schulamtes.
Die Eltern wissen genau, welche Schule für DAS MÄDCHEN passt: Die örtliche Grundschule.
Passt, sagt auch die Logopädin, denn das schüchterne Mädchen spricht inzwischen viel mit den Kindern, die es aus dem Kindergarten kennt.
Passt, sagt auch die Ergotherapeutin, denn das Mädchen soll sich viel bewegen und unbedingt zu Fuß zur Schule gehen.
Passt, sagt auch der Kinderarzt. Er kennt das Mädchen schon lange und weiß, welchen großen Anteil das soziale Umfeld an seinen mühsamen Fortschritten hat.
Das Schulamt plant eine inklusive Gruppenlösung drei Ortschaften weiter: Dort ist die Schule willig, die Sonderpädagogik gebündelt und der Bustransport bereits geklärt.
„Passt“, sagt der Schulrat zufrieden und klappt die Akte zu.
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Montag, 25. September 2017

Sprünge

DER JUNGE ist mit seiner großen Schwester im Schwimmbad.
Er kann sehr gut schwimmen, tauchen und springen.
Deshalb sitzt seine Schwester entspannt am Rand des Beckens.
Der Junge springt abwechselnd mit einem Mädchen vom Startblock.
Köpfer und möglichst viel spritzen – sie feuern sich gegenseitig an.
Dann öffnet das Drei-Meter-Brett. Der Junge stellt sich sofort an.
Das Mädchen traut sich nicht recht und geht zurück zu seiner Mutter, die in der Nähe sitzt.
„Kennst du den behinderten Jungen eigentlich?“, fragt die Mutter.
Die Tochter schaut sie mit großen Augen an: „Da war kein behinderter Junge!“
„Doch“, sagt die Mutter, „der mit dem besonderen Gesicht, der so komisch gesprochen hat.“
Das Mädchen guckt immer ratloser.
Die Mutter ist jetzt leicht genervt: „Nun bist du die ganze Zeit mit dem behinderten Jungen ins Wasser gesprungen! Nun sag mir doch einfach, ob du den schon vorher kanntest!“
„Ach, den meinst du“, antwortet das Mädchen, „dann sag doch gleich: Der Junge, der jetzt vom Dreier springt!“
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Montag, 18. September 2017

Zu viel

Das MÄDCHEN braucht sehr viel Hilfe bei allen Alltagsdingen. Immer muss jemand bei ihm sein, auch um auf die ständigen Anfälle zu achten. Die allgemeine Schule sieht sich nicht in der Lage, das Mädchen zu unterrichten. "Nein," sagt die Schulleitung zu den Eltern, „es braucht zu viel Hilfe. Wir können ihm und den anderen Schülern nicht gleichzeitig gerecht werden."

Die Eltern argumentieren: Sie schaffen das doch auch in der Familie. Natürlich sei es anstrengend, aber man könne ja auch zusätzliche Unterstützung beantragen. Aber die Schule bleibt bei der Ablehnung.

Inzwischen besucht das Mädchen die Sonderschule schon im letzten Jahr. Heute ist Elternabend. Alle Eltern sind aufgeregt. Denn die Schule hat eine große Spende erhalten: Eine Woche Urlaub auf einer Ferieninsel: Flug und Aufenthalt - alles umsonst. Die Schulleitung hat beschlossen: Die Klasse des Mädchens darf in den Süden fliegen! Schon nächste Woche geht es los.

Am Ende des Abends nimmt die Schulleiterin die Mutter des Mädchens zur Seite.

"Leider kann Ihre Tochter nicht mitkommen", sagt sie bedauernd. "Sie braucht zu viel Hilfe. Wir können ihr und den anderen Schülern nicht gleichzeitig gerecht werden."

Die Mutter bietet an, selbst mitzukommen oder nach anderen Lösungen zu suchen. Natürlich sei es anstrengend, aber man könne ja auch zusätzliche Unterstützung beantragen. Aber die Schule bleibt bei der Ablehnung. Das Mädchen muss zuhause bleiben.

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Montag, 11. September 2017

Die Fachfrau

DER JUNGE soll in den allgemeinen Kindergarten im Stadtteil gehen. Die Mutter sucht eine Unterstützungskraft. Der Kindergarten hat einen Tipp bekommen: Diese Fachfrau hätten Kollegen empfohlen.
Die Mutter ruft dort an.
„Ja“, sagt die Dame“, ich bin ausgebildete Fachkraft. Ich finde das auch ganz wichtig, dass man sich mit dem Down-Syndrom auskennt.“ Und dann erzählt sie:
Dass Kinder mit Down-Syndrom ja so musikalisch sind, und sie deshalb ganz viel mit Musik mache.
Dass sie bockig sind, aber da helfe nur strenge Konsequenz ohne Ausnahme.
Das sei auch kein Problem, denn die Menschen mit Down-Syndrom könnten ja nicht nachtragend sein, sondern seien seelisch robust und eigentlich ziemlich unkompliziert.
“Auf das sonnige Gemüt Ihres Sohnes freue ich mich schon richtig“, sagt sie zusammenfassend.
„Entschuldigung“, unterbricht die Mutter, „ich suche eigentlich jemanden, der mein Kind erst einmal kennenlernen möchte.“
„Ja, natürlich“, sagt die Dame, „das kann ich auch gerne machen. Lassen Sie uns doch nach einem Termin schauen.“
Die Mutter zögert: „Ich glaube, ich überleg es mir noch mal ...“
„Aber so eine Fachfrau wie mich finden Sie hier in der Gegend nicht leicht!“, hört sie noch die Stimme aus dem Telefon sagen. Dann beendet die Mutter das Gespräch.
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Montag, 4. September 2017

Mobbing

Die Klasse des JUNGEN beschäftigt sich in einem Schulprojekt intensiv mit den Thema Mobbing.
Auch einen Film sehen sie dazu.
Den Jungen beschäftigt das Thema sehr.
Kurze Zeit später kündigt die Lehrerin an, dass bald ein neuer Junge in die Klasse kommt.
Er ist vor kurzem in den Ort gezogen.
Dann ist der Neue den ersten Tag da.
Der Junge mustert ihn genau.
Schließlich geht er zu ihm hin und sagt „Welcome!“
Dieses Wort hat er gerade im Englisch-Unterricht neu gelernt.
Dann legt ihm feierlich die Hand auf den Kopf und sagt:
„Keine Angst. Ich beschütz‘ dich!“
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Montag, 28. August 2017

Die Schulordnung

DAS MÄDCHEN ist jetzt seit drei Monaten ein Schulkind.
Die Umstellung vom Kindergarten fällt ihm nicht leicht.
Wenn es etwas nicht will, schubst es seine Mitschüler oder Lehrerinnen schon mal weg.
Wenn es Streit gibt, boxt es schnell.
Eines Tages bekommen die Eltern Post von der Schule:
Es geht um Verstöße gegen die Schulordnung.
„Ordnungs- und Erziehungsmaßnahme“ steht da, und es wird angedroht, dass das Mädchen bald einen Tag lang nicht zur Schule kommen darf.
Die Eltern gehen zur Direktorin.
„Sie haben doch ihr Kind hier in die Inklusion geschickt, weil Sie wollen, dass es so behandelt wird, wie alle anderen Kinder auch“, sagt sie.
Die Eltern schauen sich an.
Die Direktorin fährt fort: „Und in der Schulordnung steht nun mal: Wir lösen alle Konflikte verbal.“
„Na, ja“, sagt der Vater vorsichtig, „so behandelt werden wie die anderen soll sie schon. Aber nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten.“
„Und sie kann ja noch nicht richtig sprechen“, ergänzt die Mutter.
Das stimmt: Am Anfang der Kindergartenzeit konnte das Mädchen noch gar nichts sagen. Inzwischen hat es schon ein paar Zweiwortsätze gelernt.
„Hm, das ist schwierig“, sagt die Direktorin und lehnt sich zurück: „Für so was sind wir hier nicht ausgebildet!“
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Montag, 21. August 2017

Die Klassenreise

Die Klassenreise steht bevor.
Alle Kinder freuen sich, auch DAS MÄDCHEN.
„Hast du gar keine Angst in einer Seilbahn?“, fragt die Lehrerin und legt die Stirn in Sorgenfalten.
„Hm…“, sagt das Mädchen.
Im Urlaub in den Bergen ist es immer die erste, die in die Gondel springt.
„Und die wilden Karussells im Vergnügungspark. Sind die was für dich?“, fragt die Lehrerin weiter und legt die Hand auf die Schulter des Mädchens.
„Hm…“, sagt das Mädchen.
Es mag die Karussells in der Tat nicht, aber alles Drumherum: Eis essen, das Gekreische der anderen und die bunten Lichter.
„Vier Tage weg von der Mama. Das ist sicherlich nicht einfach für dich“, sagt die Lehrerin.
„Hm…“, sagt das Mädchen.
Es war gerade zwei Wochen alleine in einer Kinderfreizeit.
Zu Hause geht es zu seiner Mutter und sagt: „Ich möchte nicht mit auf die Klassenreise fahren.“
„Tja“, sagt die Lehrerin, „wenn sie das sagt, dann muss man das auch akzeptieren!“
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Montag, 14. August 2017

Förderplanung

Förderplangespräch mit der Sonderpädagogin DES MÄDCHENS.
Diesmal möchte die Mutter besonders über den Entwicklungsstand im Rechnen sprechen.
„Ja, aber wichtig ist mir auch noch, dass Fähigkeiten aus dem lebenspraktischen Bereich zu Hause geübt werden“, sagt die Sonderpädagogin.
„Alltag lebt meine Tochter mit uns ja sowieso jeden Tag“, antwortet die Mutter, „extra Üben ist da nicht notwendig.“
„Oh, sagen Sie das nicht“, entgegnet die Sonderpädagogin, „ich habe festgestellt, dass Ihre Tochter nicht gut spülen und abtrocknen kann!“
Die Mutter ist irritiert: „Wir haben zu Hause eine Spülmaschine. Und die kann meine Tochter genauso gut ein- und ausräumen wie ihre Schwester, die aufs Gymnasium geht.“
„Trotzdem wäre es gut, wenn Sie mit ihr spülen und abtrocknen üben würden“, beharrt die Sonderpädagogin.
Die Mutter schüttelt verständnislos den Kopf. „Aber warum?“, fragt sie.
„Wissen Sie“, erklärt die Sonderpädagogin, „nicht in allen Wohngruppen gibt es Spülmaschinen. Es kann schon sein, dass Ihre Tochter in eine ohne Spülmaschine kommt.“
„Gut“, sagt die Mutter, „dann verpflichten wir uns jetzt schriftlich, auf eigene Kosten eine Spülmaschine in eine Wohngruppe einbauen zu lassen, falls unsere Tochter jemals dort einziehen möchte. In Ordnung? Können wir jetzt bitte über Mathematik sprechen?“
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