Montag, 19. Februar 2018

Die Buchvorstellung

Buchvorstellung in der Klasse DES JUNGEN. Alle haben irgendein Buch gelesen und stellen es der Klasse vor. Wie immer sind die Eltern dazu eingeladen.
Die Mutter erinnert sich noch gerne an die Buchvorstellung im vergangenen Jahr. Da konnte der Junge noch gar nicht lesen und auch noch nicht viel sprechen. Damals hatte er gemeinsam mit seiner Schulbegleiterin ein Puppenspiel zum Buch aufgeführt. Er musste eine Puppe spielen und ein paar einfache Sätze sagen. Am Ende war er megastolz.
Heute stellt er sein Erstleser-Buch ganz alleine vor.
Alle Kinder hören aufmerksam zu.
Anschließend gibt es viel Lob. Zum Beispiel wird dafür gelobt, dass er sich sehr bemüht hat, alles deutlich auszusprechen.
Der Junge nickt.
Die Mutter lächelt und freut sich.
Es gibt auch Kritik. Ein Mädchen meldet sich und sagt: „Du kannst ruhig mehr Pausen lassen, wenn du etwas vorliest.“
Der Junge nickt wieder.
Und die Mutter lächelt und freut sich.

Montag, 12. Februar 2018

Beförderung

Elternversammlung im Kindergarten einer Elterninitiative. Die Mutter DES JUNGEN ist dort besonders engagiert. Sie trägt sich regelmäßig zu den Kochdiensten ein und arbeitet in der Finanzgruppe des Fördervereins mit. Das ist viel Arbeit, aber auch nett.
Der Junge fühlt sich sehr wohl im Kindergarten. Er versteht sich gut mit den anderen Kindern und hat viele Freunde gefunden. Es war gar nicht so einfach gewesen, einen barrierefreien  Kindergarten zu finden, der dann auch noch bereit war, ein Kind im Rollstuhl aufzunehmen. Auch deswegen nimmt sich die Mutter so viel Zeit für die Mitarbeit dort. Denn eigentlich ist sie mit den vielen Arzt- und Therapieterminen und all den Anträgen an Kranken- und Pflegekasse schon mehr als ausgelastet.
In der Versammlung heute geht es die Fahrtkostenzuschüsse der Kommune. Bislang hatte die immer freiwillig allen Eltern, die aus der weiteren Umgebung kommen, einen kleinen Teil der  entstandenen Fahrtkosten erstattet. Jetzt wurde dieser Zuschuss gestrichen. Die Mutter berichtet: "Wir von der Finanzgruppe haben wirklich alles versucht. Aber es gibt nun einmal keine Rechtsgrundlage und damit auch keinen Anspruch. Unser Vorschlag ist, dass ihr euch noch mehr als bislang zu Fahrgemeinschaften zusammenschließt, um eure Kosten zu senken.“
Nach dem Ende der Versammlung stehen die Eltern noch zusammen und unterhalten sich. Da kommt ein Vater auf die Mutter zu und sagt: "Ihr wart einfach nicht hartnäckig genug bei den Verhandlungen mit der Kommune! Aber klar, wenn ich das so gut hätte wie du... Dein Kind wird ja jeden Morgen mit dem Taxi von zu Hause abgeholt und nachmittags wieder zurückgebracht."
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 5. Februar 2018

Party

DER JUNGE wohnt in einer Wohngruppe der Behinderteneinrichtung.
"Jugendliche und junge Erwachsene finden hier eine altersentsprechende Wohnmöglichkeit, die auf die Bedürfnisse junger Menschen im Übergang  zum Erwachsenenalter ausgerichtet ist“, so steht es  auf der Webseite. Doch der Junge ist nicht wirklich zufrieden. Vor allem an den Wochenenden, an denen er nicht seine Eltern besucht, langweilt er sich.
Aber dieses Wochenende hat sich seine Tante angekündigt. Ihre Familie will den Jungen zu einem Ausflug mitnehmen. Am Samstagmorgen wird er abgeholt. Die Betreuerin bittet die Tante, ihn spätestens nach dem Abendessen um 20 Uhr zurückzubringen. 
Den ganzen Tag verbringt der Junge nun mit der Familie seiner Tante im tropischen Spaßbad.  Gemeinsam mit seinen Cousins genießt er das Wellenbecken, die vielen Wasserrutschen und den Indoor-Strand mit echtem Sand und Beachvolleyball. Zum Abschluss gehen alle noch riesige Hamburger essen. Pünktlich um 20 Uhr treffen sie wieder in der Wohngruppe ein. Die Tante und seine Cousins sehen sich verblüfft um: Im großen Aufenthaltsraum tragen alle Mitbewohner des Jungen schon Schlafanzüge. "Was soll denn das hier werden?" fragt einer der Cousins, „‘ne Pyjamaparty?"
Die Betreuerin wendet sich entschuldigend an die Tante: "Sie müssen wissen - der knappe Personalschlüssel…“
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Montag, 29. Januar 2018

Hoffentlich

Die Mutter DES MÄDCHENS ist schwanger. Inzwischen sieht man den Babybauch schon deutlich. Das Mädchen freut sich auf sein Geschwisterchen.
Heute haben sie sich mit einer Freundin aus dem inklusiven Kindergarten  verabredet, deren Tochter im Rollstuhl sitzt. Sie wollen gemeinsam ins Schwimmbad gehen. Auf dem Weg dorthin möchte die Bekannte noch schnell etwas in einem Laden abholen. Doch der Eingang hat eine hohe Stufe. Keine Chance, dort mit dem Rollstuhl reinzukommen.
Also bittet sie die Mutter des Mädchens, mit den beiden Kindern draußen zu warten.  Ein paar Meter neben dem Eingang ist eine Bank. Die Mutter setzt sich dort in den Schatten und legt die Hand auf ihren Bauch. Ihre Tochter blättert in einem Buch und brabbelt dabei vor sich hin. Die Tochter der Freundin fährt fröhlich in ihrem Rollstuhl hin und her.
Da bleibt eine Frau stehen. Sie schaut auf die Kinder und dann die Mutter intensiv an. "Ach, die Kinder sind ja arme, unschuldige Geschöpfe!“, sagt sie, „aber Sie haben’s hoffentlich diesmal rechtzeitig kontrollieren lassen - damit Sie es noch hätten wegmachen lassen, wenn es auch wieder missgebildet ist!“
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Montag, 22. Januar 2018

Steine

Die Klasse ist im Landschulheim.
Dort geht es auch um die Klassengemeinschaft.
Alle Kinder sollen sich einen Stein suchen.
DER JUNGE findet in der Nähe einen riesengroßen. Weil er ihn nicht tragen kann, bleibt er einfach darauf sitzen.
Nun sollen die Kinder die Steine aufeinanderschichten, so dass ein hohes Steinmännchen entsteht.
Schnell ist ihnen klar: Der Stein des Jungen muss ganz unten liegen.
Drei Klassenkameraden helfen ihm, den Stein zum Bauplatz zu schleppen.
Jetzt legen alle Kinder nach und nach vorsichtig die Steine aufeinander.
Am Ende hat nur noch eines einen Stein. Es ist ein Mädchen, das immer besonders zappelig ist.
Die anderen sind oft von ihm genervt.
Es nimmt seinen klitzekleinen Stein und geht zum Steinturm.
Die anderen halten den Atem an. Es ist mucksmäuschenstill.
Ganz behutsam legt das Mädchen seinen Stein auf den obersten Stein. Er bleibt liegen.
Alle Kinder klatschen.
Doch jetzt wollen alle schnell zurück ins Landschulheim. Es gibt Nudeln.
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Montag, 15. Januar 2018

Freiwillig

Die Eltern des MÄDCHENS sind zum Gespräch eingeladen. Die Schulleiterin der Grundschule, die Klassenlehrerin und die Sonderpädagogin vom Gehörlosenzentrum warten schon.
„Wir haben Sie heute beide hierher gebeten“, beginnt die Schulleiterin, „weil wir Ihnen vorschlagen möchten, dass Ihre Tochter die Klasse freiwillig wiederholt."
Die Eltern schauen sich überrascht an. "Aber wir dachten, es läuft doch ganz gut …“, erwidert die Mutter.
Die Klassenlehrerin übernimmt: „Ja, so einigermaßen. Aber die Mitarbeit ist oft schwierig. Ich muss Ihrer Tochter immer noch einmal extra sagen, dass sie auch das richtige Heft herausnimmt. Und sie ist oft deutlich langsamer als die anderen Kinder." Die Sonderpädagogin ergänzt: „Es wäre einfach gut, wenn sie mit ihrer Behinderung noch etwas mehr Zeit bekäme ..."
Die Mutter runzelt die Stirn: "Das richtige Heft müssen bestimmt auch andere erst einmal suchen, oder? Das Wichtigste war doch, dass jetzt endlich die neue Tonübertragungsanlage installiert wurde. Vorher hat meine Tochter Sie ja teilweise gar nicht verstanden."
"Da haben Sie Recht“, bestätigt die Schulleiterin, "aber behindert bleibt sie ja trotzdem …“
"In der jetzigen Klasse sind alle ihre Freundinnen“, gibt der Vater zu bedenken, "sagen Sie uns doch bitte erst einmal, wie sehr sich unsere Tochter verschlechtert hat. Mit welchen Noten müssen wir denn rechnen?"
Die Klassenlehrerin klappt ihr Notizbuch auf: "In Deutsch steht sie zwischen 3 und 4, in Mathe ist es eine 2, und in den anderen Fächern überall zwischen 2 und 3."
Die Eltern schauen sich an. „Komm“, sagt der Vater zu seiner Frau, „wir gehen!"
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Montag, 8. Januar 2018

Munter

DER JUNGE ist begeistert vom Pool der Ferienanlage.
Besonders die Wasserrutsche hat es ihm angetan.
Immer wieder klettert er die Leiter hinauf und rutscht, bis er ganz außer Atem ist.
Die Mutter bemerkt, wie eine Frau immer wieder zu ihm schaut.Die Mutter setzt sich auf eine Bank neben das Schwimmbecken.
Die Frau, die den Jungen beobachtet hatte, setzt sich neben sie.
Die Frau sagt vorsichtig: "Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?"
"Oh je…" denkt die Mutter, „jetzt geht es gleich wieder um die Behinderung!“ Allzu oft ist sie von wildfremden Menschen darauf angesprochen worden, ob die Diagnose denn schon vor der Geburt fest stand. Und sie mag nicht immer wieder erklären, dass ihre Familie nicht von einem fürchterlichen Schicksalsschlag getroffen worden ist.
"Entschuldigen Sie“, sagt die Frau jetzt noch einmal, „dass ich Ihren Sohn so angestarrt habe. Aber das ist doch die Narbe von einer Herzoperation, oder? Wissen Sie, mein Vater liegt gerade im Krankenhaus. Er wird am Herzen operiert."
Es entwickelt sich ein interessantes Gespräch über die Möglichkeiten der heutigen Herzchirurgie.
Nachdenklich schaut die Frau am Ende noch einmal zum Becken.
„So munter. So fröhlich. Und mittendrin. Diese Lebensqualität wünsche ich mir auch für meinen Vater wieder so sehr“, sagt sie, bevor sie sich von der Mutter verabschiedet.
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Montag, 1. Januar 2018

Schreiben

DAS MÄDCHEN ist sehr zufrieden: Mit großen ordentlichen Buchstaben hat es gerade auf der Karte für Oma unterschrieben.
Und auch alle Geschenkanhänger hat es selbst geschrieben: Für Mama, für Papa und für Bruder Ben.
Dann hat Mama auch noch erlaubt, dass das Mädchen in Schönschrift alle Tischkarten für das Weihnachtsessen herstellen darf. Das Mädchen ist stolz, dass es das so gut hinbekommen hat.
Und weil das Schreiben gerade so viel Spaß macht, schnappt sich das Mädchen jetzt auch noch eine Zeitung und überträgt alle Überschriften feinsäuberlich in ein Schulheft.
In der Schule wurde die letzte Woche vor den Ferien nur gebacken und gebastelt.
Als die Mutter das Mädchen am letzten Schultag abgeholt hatte, hatte ihr die Lehrerin die Hand auf die Schulter gelegt und leise zum Abschied gesagt:
„Gel, aber in den Ferien quälen Sie Ihre Tochter nicht mit Schreibübungen! Gerade für die Behinderten sind die Ferien doch besonders wichtig.“
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Montag, 25. Dezember 2017

Goldene Wasserhähne

DER JUNGE will Skifahren lernen.
Die Eltern sind skeptisch und versuchen, es ihm auszureden.
Sie haben Angst, dass keine Skischule bereit ist, ihn zu unterrichten.
Dann ist Jubiläumsfest des Sportvereins im Stadtteil.
Die Skiabteilung verkauft Softeis und zeigt Videos von ihren Skikursen.
Die Eltern geben sich einen Ruck und fragen, ob sie den Jungen zum Anfängerkurs anmelden können.
Sie bieten an, gleich zwei oder drei Plätze zu buchen.
Der Skischulleiter schaut sie verwundert an: „Aber dann müssten Sie ja auch den doppelten oder dreifachen Preis bezahlen…“
Die Eltern nicken und erklären: Das wäre, um den Mehraufwand auszugleichen. Der Junge braucht  bestimmt eine intensive Anleitung und viele Wiederholungen.
Da lacht der Skischulleiter: „Das brauchen viele! Wenn wir von allen Anfängern mit wenig Talent mehr Geld verlangen würden, könnten wir uns die Wasserhähne vergolden lassen!“
Dann wird er kurz ernst: „Ich glaube Ihnen schon, dass es mehr Arbeit macht, Ihrem Sohn etwas Neues beizubringen. Aber wenn Sie das als Familie schaffen, dann können wir das doch auch probieren!“
Und so einigt man sich, es mit dem Jungen einfach einmal zu versuchen.
Inzwischen saust der übrigens mit Bravour alle Hänge hinunter und will im Winter immer nur eins: In die Berge fahren!
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Montag, 18. Dezember 2017

Naheliegende Lösung

Die Eltern des JUNGEN starren ungläubig auf den Brief des Schulamtes.
Der Junge soll im Herbst eingeschult werden. Die Eltern hatten sich im Schulamt beraten lassen.  Noch während des Gespräches war für sie klar: Sie wollen Inklusion an der allgemeinen Schule. Denn sie sind sicher, dass es das Beste für ihren Jungen ist,  gemeinsam mit Nachbarskindern und Kindergartenfreunden in eine der beiden Grundschulen vor Ort zu gehen. Die naheliegende Lösung. Und der nette Schulrat wollte ihnen jetzt schriftlich einen Vorschlag für die geeignete Schule machen…
"Das muss eine Verwechslung sein! Sowas kommt ja mal vor,“ sagt die Mutter und ruft im Schulamt an.
"Nein, nein“, sagt der Schulrat, „ das ist kein Fehler! Ich hatte Ihnen doch erklärt, dass wir Inklusionsgruppen bilden. Die Schule, die wir ausgewählt haben, hat einen ausgezeichneten Ruf. Die Kollegen dort haben bereits eine Inklusionsgruppe erfolgreich durch vier Grundschuljahre begleitet. Es gibt genügend Platz und einen großen Differenzierungsraum. Der Sonderpädagoge fühlt sich im Kollegium schon wie zu Hause und der Schulhof ist komplett umzäunt!“
Der Schulrat fährt sehr bestimmt und überzeugt fort:
"Alle anderen Eltern haben schon zugestimmt. Es gibt darum auch gar keine andere Lösung, wenn Sie Ihren Sohn inklusiv beschulen lassen wollen.  Aber glauben Sie mir: Dies ist nicht nur die einzige, sondern auch die naheliegende Lösung!“
Die sprachlose Mutter legt auf und schaut ihren Mann an. Gemeinsam versuchen sie zu realisieren, dass das Schulamt ihren ABC-Schützen in eine 29 Kilometer entfernte Grundschule schicken will.
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