Montag, 26. Dezember 2016

Das Ferienprogramm

Bald sind Ferien. DAS MÄDCHEN freut sich.
Schließlich gibt es ja ein Ferienprogramm in der Stadt.
Viele Kurse werden da angeboten:
"Radiobeitrag selber aufnehmen", "leckere Gemüse- Smoothies mixen" oder „intuitives Bogenschießen".
Das alles kann man in fünf Tagen lernen oder ausprobieren.
Und das allerbeste steht auf Seite 2 des Programms:
"Die Ferien für Schüler mit und ohne Handicap interessant gestalten."
Wunderbar, freut sich die Mutter.
Gemeinsam mit dem Mädchen schaut sie das Programm durch.
"Trommeln selber bauen" soll es werden.  
Der Kurs hat kein Rollstuhlzeichen, aber das ist kein Problem.
Das Mädchen ist schließlich gut zu Fuß.
Die Mutter geht ins Sekretariat zum Anmeldung. 
"Nein“, sagt die Leiterin, "an diesem Kurs ist doch kein Zeichen!
Das heißt, dass der Kursleiter nicht bereit ist, Kinder mit Handicap zu nehmen.
Dazu kann man schließlich niemanden zwingen!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 19. Dezember 2016

Der Ausflug

Die Klasse will einen Ausflug machen.
Dienstag zunächst einmal mit der S-Bahn quer durch die Stadt.
Ob das auch etwas für DEN JUNGEN ist, fragt die Sonderpädagogin.
Was ist, wenn ihn die vielen Menschen erschrecken?
Was ist, wenn er beim Umsteigen überfordert ist?
Was ist, wenn er die Gefahren eines Bahnhofs nicht erkennt?
Die Hauptschullehrerin schüttelt den Kopf.
Der Hauptschullehrer hebt an: „Also, ich hab‘ da eigentlich keine Bedenken…“
Ein strenger Blick der Sonderpädagogin stoppt ihn.
„Diese Diskussion hatten wir doch schon öfter…“, sagt sie.
Sie sei schließlich die Expertin für solche Kinder.
Nachmittags telefonieren die beiden Hauptschullehrer miteinander.
Sie verlegen den Ausflug auf Donnerstag.
Donnerstags kann die Sonderpädagogin nie.
„Absolut unabkömmlich“, ist sie da an der Sonderschule, betont sie.
Der Ausflug wird ein voller Erfolg.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 12. Dezember 2016

Die Podiumsdiskussion

“Chancen und Risiken der Inklusion“ lautet der Titel.
Die Mutter DES JUNGEN ist dazu eingeladen.
Es geht um „eine Gesellschaft, in der jeder Mensch in seiner Individualität akzeptiert wird und gleichberechtigt und selbstbestimmt an dieser teilhaben kann.“
So steht es im Programmheft.
Die Mutter fragt sich, wo denn die im Titel angesprochenen Gefahren wohl liegen mögen …
Trotzdem sitzt sie auf dem Podium und erzählt von ihrem Alltag.
Wie sehr der Junge sich wünscht, dabei zu sein.
"Alle Menschen brauchen öfters oder selten einen mehr oder weniger großen Rückzugsraum“, erklärt sie. "Aber niemand will ausgeschlossen werden.“
Die Diskussion geht hin und her.
Da meldet sich jemand im Publikum:
"Vor 70 Jahren hat man diese Menschen noch als lebensunwert getötet. Heute gibt es wunderbare Einrichtungen mit liebevollem Personal. Man muss auch mal zufrieden sein und den Fortschritt würdigen können!"
Die Mutter schweigt.
Aber sie will nicht zufrieden sein.
Und sie will auch nicht den Fortschritt würdigen.

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Montag, 5. Dezember 2016

Die Gruppe

Ein großer Runder Tisch.
Es geht um Inklusion in der ersten Klasse.
Die müsse man „gruppenbezogen“ umsetzen, zitiert der Schulrat aus dem Gesetz.
Auf der einen Seite sitzen die Eltern der Kinder mit Behinderung, die für die eine Gruppe in der einen ersten Klasse vorgesehen sind.
Auf der anderen Seite sitzen die Eltern der Kinder mit Behinderung, die für die andere Gruppe in der anderen ersten Klasse vorgesehen sind.
Die Eltern der Kinder ohne Behinderung sind nicht eingeladen. Sie melden ihre Kinder einfach ganz normal im Sekretariat an.
Am Ende der Sitzung nicken alle Eltern. Der Schulrat ist erleichtert.
Er hat seine „Gruppenlösungen“ unter Dach und Fach.
Die Direktorin steht auf.
„So“, sagt sie energisch und fröhlich, „heute haben wir aber das letzte Mal von irgendwelchen Gruppen gesprochen. Ich habe hier an meiner Schule nur Klassen und Kinder. Herzlich willkommen!“
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Montag, 28. November 2016

Auf dem Flur

DAS MÄDCHEN hat ein Tischchen auf dem Flur der Grundschule.
Da sitzt es immer, wenn es nicht im Klassenzimmer ist.
Und das ist oft.
Bei der Mathelehrerin muss es mucksmäuschenstill sein.
Sie schickt das Mädchen immer auf den Flur.
Der Deutschlehrer lässt anspruchsvolle Aufsätze schreiben.
Da schreibt sie ihre kleinen Sätze eben auf dem Flur.
Und wenn der Englischlehrer zur Tür herein kommt, packt das Mädchen schon von alleine seine Sachen zusammen und geht auf den Flur.
Denn es weiß, dass der Lehrer findet, sie müsse ja nun wirklich kein Englisch lernen.
Dann kommt die Feuerwehr ins Haus.
Es geht um die Fluchtwege.
„Der Flur muss immer frei sein“, sagt der Brandmeister, „da darf niemand sitzen.“
„Inklusion können wir dann natürlich nicht mehr machen!“, sagt der Schulleiter.

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Montag, 21. November 2016

Voll behindert

Wochenende im Einkaufszentrum.
Auch DER JUNGE ist mit seiner Familie beim Großeinkauf.
Auf dem Parkplatz steht eine Gruppe Jungs.
Sie schubsen sich herum und haben scheinbar nur ein Lieblingswort: „Mensch Alter, voll behindert echt!“ „Boah, nee, wie scheiße ist die denn. Die ist doch behindert.“ „Ey, du Spacko, bist du behindert oder was?“
Als der Junge näher kommt, ruft einer: „Guck mal, wie komisch der aussieht!“
Alle schauen.
Dann sagt ein anderer: „Mensch, bist Du behindert! Der sieht doch nicht komisch aus. Der ist bei uns in der Klasse. Voll cool und immer total lustig.“
Und schon wird der Junge von allen umringt und begrüßt:
High five.
Was er denn so am Wochenende macht, wird er gefragt.
„Na, dann immer schön locker bleiben! Wir sehen uns Montag!“
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Montag, 14. November 2016

Verstehen

„Sie müssen mich verstehen“, sagt die Sonderpädagogin zur Mutter DES JUNGEN,
„ich habe das studiert, weil ich mich liebevoll ganz in Ruhe mit einem einzelnen Kind beschäftigen wollte.“

„Sie müssen meine Kollegen verstehen“, sagt der Direktor,
„die haben das schließlich nicht gelernt. Und manche haben noch nie einen Behinderten aus der Nähe gesehen.“

„Sie müssen die Amtsärzte verstehen“, sagt die Leiterin des Gesundheitsamtes,
„als ich hier angefangen habe, wurden die Eltern noch einbestellt.“

„Sie müssen uns verstehen“, sagt die Schulrätin,
„so viele Meldungen zur Inklusion können wir mit unseren paar Leutchen kaum noch bearbeiten.“

„Sie müssen den Gutachter verstehen“, sagt der Psychologe,
„früher hat er den Eltern gesagt, was das Beste für ihr behindertes Kind ist und wo es zur Schule gehen muss.“

„Du musst die Sonderpädagogin verstehen“, sagt die Freundin,
„wenn die früher erzählt hat, was sie beruflich macht, dann haben die anderen immer gesagt:  „Wow, das ist sicherlich ein echt harter Job! Also, das könnte ich nicht!“ Und heute sagen die: „Ach, Du arbeitest auch an der Hauptschule.“

Die Mutter geht schnell nach Hause, denn sie hat einiges zu tun:
Sie muss aufräumen, kochen, putzen, den Jungen von der Schule holen, mit ihm Hausaufgaben machen, ihn zum Fußball fahren, abends mit ihm Vokabeln üben, und sie muss so viel verstehen.

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Montag, 7. November 2016

Auf dem Schulhof

„Setz Dich doch auch zu den anderen Mädels auf die Bank“, ermuntert die FSJlerin DAS MÄDCHEN.
Das Mädchen setzt sich dazu.
Eines der Mädchen dreht sich demonstrativ weg.
Zwei andere fangen ein Gespräch an und bewundern den neuen Haarschnitt des Mädchens.
Die FSJlerin beobachtet alles aus der Ferne.
Da stürzt eine Lehrerin auf sie zu: „Warum sind Sie nicht bei dem Mädchen?“, ruft sie laut.
„Ich bin doch ganz in der Nähe“, sagt die FSJlerin.
„Das reicht nicht“, sagt die Lehrerin energisch, „Sie müssen immer dafür sorgen, dass sie nicht gemobbt wird!“
Die FSJlerin schaut zum Mädchen. Es steckt gerade einer anderen eine bunte Spange ins Haar.
„Sie sind schließlich die Schul-Begleitung“, ergänzt die Lehrerin streng, „das müssen wir sonst noch einmal  bei einem Runden Tisch thematisieren!“
Die FSJlerin seufzt und ruft das Mädchen zu sich.
Das Mädchen kommt widerwillig angeschlurft.
Jetzt hat es schlechte Laune.
Die FSJlerin auch.
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Montag, 31. Oktober 2016

Burger

Alle Kinder rechnen.
SIE allerdings geht mit ein paar anderen zum Einkaufen.
Mit denen, die nicht so gut rechnen können.
Sie kaufen gefrorene Hackfleischbuletten, weiche Brötchen, Tomaten, Gurken, Ketchup und Majo.
„Heute lernt ihr, wie man Hamburger macht“, erklärt die Sonderpädagogin,
„und dann essen wir die auch alle gemeinsam auf.“
Sie hat eigentlich schon gut gefrühstückt.
Die Brotbox ist auch noch voll.
Und Mama kocht jeden Tag.
Aber Burger geht immer…
In der nächsten Woche machen sie Spaghetti mit Tomaten-Sahne-Soße.
In der übernächsten Woche sagt die Sonderpädagogin fröhlich:
„Heute gehen wir wieder los und kaufen alles ein, was man für Hamburger braucht.
Mal sehen, ob ihr euch noch an alles erinnert!“
Abends steht sie auf der Waage.
„Nee“, sagt Mama, „das kann doch jetzt nicht sein: 47 Kilo, das sind ja schon wieder 3 Kilo mehr!“
Sie zuckt mit den Achseln.
Mit so großen Zahlen hat sie noch nie gerechnet.
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Montag, 24. Oktober 2016

Altpapier

DAS MÄDCHEN braucht einen Praktikumsplatz.
Es möchte ins Schwimmbad.
Die Mutter bereitet sich gut vor:
Recherchiert ein inklusives Arbeitsprojekt in einem englischen Thermalbad.
Formuliert einen Brief an die Schulleitung.
Klärt die Kosten für eine eventuelle Begleitung.
Macht eine Liste mit möglichen Befürchtungen und Gegenargumenten.
Dann ruft sie im Bad an.
Und fängt an zu argumentieren.
Der Badleiter unterbricht sie: „Entschuldigen Sie: Kann Ihre Tochter schwimmen?“
Ja, das kann sie.
„Wunderbar“, sagt der Badleiter, „mehr muss ich nicht wissen. Den Rest finden wir immer gemeinsam mit den Praktikanten heraus. Wir sehen uns dann Montag, am 16., um 8 Uhr.“
„Montag, 16., 8 Uhr“, schreibt die Mutter auf einen Zettel.
Die restlichen Unterlagen wirft sie ins Altpapier.
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Montag, 17. Oktober 2016

Kekse

In der Klasse wird gebacken. Für den Bazar.
Der Schulbegleiter ist heute krank.
„Oh, Gott“, sagt die Lehrerin: Dann darf DAS MÄDCHEN nicht mitbacken.
Es ist schließlich geistig behindert.
Na ja, so schwierig ist das mit dem schon vorbereiteten Teig ja eigentlich nicht.
„Nein, das geht nicht!“,  sagt die Lehrerin.
„Ich könnte helfen“, schlägt die Mutter vor.
„Nein, das geht nicht!“, sagt die Lehrerin. Eltern haben keinen Zutritt.
Also muss das Mädchen nach Hause gehen.
Das Mädchen weint.
Die Mutter weint auch.
Aber sie wischt ihre Tränen weg, stellt sich in die Küche und backt selbst mit dem Mädchen.
Viele schöne Plätzchen.
Das Mädchen ist stolz und nimmt die Kekse am nächsten Tag mit in die Schule.
Die können ja mit auf dem Bazar verkauft werden.
„Nein, das geht nicht“, sagt die Lehrerin. Die sehen etwas anders aus.
Das Mädchen nimmt die Kekse wieder mit nach Hause.
Nachmittags zum Kaffee gibt es jetzt immer selbstgebackene Kekse.
Aber die schmecken nicht mehr gut.
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Montag, 10. Oktober 2016

Grau

Das Papier ist grau. Umweltschutzpapier.
Alle kopieren in der Schule alles auf graues Papier.
SIE kann aber auf grauem Papier nichts erkennen. Sie sieht einfach nicht gut genug. Bei grauem Hintergrund verschwimmen die Kontraste und alles wird zu einem Wortbrei.
„Wir bekommen aber von der Stadt kein anderes Papier“, sagt die Direktorin beim Runden Tisch.
Könnte man vielleicht einmal wenigstens ein bisschen weißes Papier kaufen?
„Nein, dafür haben wir kein Budget. Da weiß ich gar nicht, wie ich das verbuchen soll.“
Aber wenn sie wirklich auf grauem Papier nichts lesen kann?
„Dann soll die Schulbegleitung ihr halt alles vorlesen!“
Der Schulrätin platzt der Kragen: „Ich gehe jetzt ins Schreibwarengeschäft, kaufe eine Packung weißes Kopierpapier und gebe es hier im Sekretariat ab!“
Ab jetzt ist das Papier mit ihren Texten weiß.
Obwohl die Schulrätin gar kein Papier vorbeigebracht hat.
Nur ganz ganz manchmal verirrt sich mal ein grauer Text ins Klassenzimmer.
Aber nach der nächsten Pause ist er meistens wieder weiß.
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Montag, 3. Oktober 2016

Fußball

Er ist in der Fußball-AG angemeldet.
Er spielt schon lange im Dorfverein.
Nun also auch in der Schule.
„Schwierig…“, findet der Sportlehrer und fordert eine Begleitperson.
Also stehen jetzt 7 Kinder, der Sportlehrer und die FSJler in der Halle.
Die Mutter sitzt auf der Tribüne und schaut zu.
Der Sportlehrer erklärt die Übung.
Dann wendet er sich an die FSJlerin: „Und Du kickst mit dem Jungen den Ball hin und her.“
„Ach herrje“, denkt die Mutter.
Der Junge hampelt nur rum.
Drei Nachmittage lang geht das so.
Der Junge hampelt immer mehr rum.
Beim vierten Mal stellt der Sportlehrer rot-weiße Hütchen in der Halle auf.
Der Junge läuft begeistert hinter ihm her und sammelt sie alle wieder ein.
Der Sportlehrer ruft der FSJlerin zu: „Er soll damit aufhören!“
Dann verteilt er die Hütchen neu.
Der Junge sammelt sie alle wieder ein.
Der Sportlehrer brüllt die FSJlerin an: „Aufhören, endlich aufhören!“
Jetzt geht die Mutter in die Halle.
„Lass die Hütchen stehen“, sagt sie zum Jungen. Und die Hütchen bleiben stehen.
Der Sportlehrer ist empört. „Sie untergraben meine Autorität“, sagt er zur Mutter.
„Da gibt es nichts, was untergraben werden könnte“, sagt die Mutter und setzt sich wieder auf die Tribüne.
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Montag, 26. September 2016

Bärchen

Heute gibt es das Diktat zurück.
Alle schauen aufgeregt, welche Zensur sie bekommen haben.
Sein bester Freund kommt zu ihm:
„Und was hast Du?“
Er hält ihm das Blatt hin.
Einen langen Text hat er nicht geschrieben.
Dafür alle Namen der Klassenkameraden.
Alle richtig geschrieben.
„Janis“ hatte er besonders lange übt.
Unter den Wörtern sind drei Bärchen aufgestempelt.
Breit grinsende Bärchen.
„Hä“, sagt sein Freund, „das issen das fürn Scheiß?“
Er zuckt mit den Achseln.
Ein anderer Junge kommt dazu.
Auch er schaut sich das Blatt an:
„Du hast doch alles richtig“, sagt er, „dafür müsstest Du eine 1 bekommen.“
„Wart mal nen Moment“, sagt sein Freund.
Sie warten, bis die Lehrerin sich umdreht.
Heute bringt er stolz seine erste „1“ mit nach Hause.
Groß und rot steht sie unter drei grinsenden Bärchen.
Mit einer ziemlich unleserlichen und krakeligen Unterschrift.
Wie Unterschriften halt so aussehen.
Die Geschichte vorgelesen ...