Montag, 22. Mai 2017

Auf dem Klo

Sich den Po abzuwischen ist gar nicht so leicht für DAS MÄDCHEN.
Die Mutter übt es immer wieder mit ihm zu Hause. Mit Feuchttüchern geht das schließlich ganz gut.
Die Mutter gibt die Feuchttücher auch mit in die Schule.
Denn dort fehlt auf den Klos meist das Papier. Oder die Rolle liegt schmutzig auf dem Boden.
Die Schulbegleiterin hilft dem Mädchen.
Als es fertig ist, soll es das Feuchttuch ins Klo werfen.
Denn einen Mülleimer gibt es in der Kabine nicht.
„Nein“, ruft das Mädchen und erklärt, was es zu Hause gelernt hat:
Es soll das Tuch in eine kleine Tüte stecken. Und die Tüte dann im Vorraum in den Papierkorb werfen. Auch Tüten hat die Mutter mitgegeben.
„Ich werfe bei mir zu Hause Feuchttücher immer ins Klo“, sagt die Schulbegleiterin.
Doch das Mädchen schüttelt noch einmal den Kopf. „Das geht gar nicht“, sagt es bestimmt.
Die Schulbegleiterin gibt nach.
Anschließend ist sie den ganzen Vormittag eingeschnappt.
Auch das Mädchen ist sauer.
Die Mutter allerdings ist stolz auf das Mädchen, als sie die Geschichte hört.
Bis sie den nächsten Förderplan liest.
„Sauberkeitserziehung noch nicht abgeschlossen“, steht da.

Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 15. Mai 2017

Das neue Konzept

„Wir haben ein ganz neues Konzept für Inklusion ab Klasse 5“, sagt der Schulleiter stolz.
Das Schuljahr beginnt mit einer Feierstunde.
DER JUNGE kommt ins Schulgebäude und sieht, wie der Schulleiter und die Sonderpädagogin die Kinder begrüßen.
Sie schicken die Kinder links in die Mensa.
Ein Mädchen schicken sie allerdings rechts in ein Klassenzimmer.
Das mit dem Sortieren kennt der Junge aus dem Sportunterricht: links die Jungs, rechts die Mädchen.
Also geht er hinter den Jungs in die Mensa.
Aber der Schulleiter und die Sonderpädagogin laufen ihm schnell nach, haken ihn ein und bugsieren ihn auch in das Klassenzimmer.
Dort soll er erst einmal „ankommen“.
Nach einer Weile darf er dann auch in die Mensa. Gemeinsam mit der Sonderpädagogin und vier anderen Kindern sitzt er auf reservierten Plätzen in der ersten Reihe.
Die anderen Schüler sitzen in langen Stuhlreihen auf der Bühne. Der Schulleiter steigt schwungvoll die Stufen hoch, wendet sich an die Schüler und sagt: „Willkommen an unserer Hauptschule! Ihr seid heute die Hauptpersonen!“
Dann kommt der Chor. Er stellt sich direkt vor den Stuhlreihen auf und singt den Kindern ein Begrüßungslied.
Der Schulleiter sitzt inzwischen wieder in der ersten Reihe neben der Sonderpädagogin, dem Jungen und den vier anderen Kindern und findet:
Das mit dem neuen Konzept hat heute schon ganz gut geklappt!
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 8. Mai 2017

Streit

Auf dem Weg zur Schule hat DER JUNGE Streit mit einem anderen Jungen.
Er sagt einige hässliche Schimpfwörter.
Der andere ist kleiner und weiß nicht, was er machen soll.
Eine ältere Dame mischt sich ein: „Lass den Kleinen mal in Ruhe“, sagt sie zum Jungen.
„Sie sind nicht meine Mutter! Sie haben mir gar nichts zu sagen“, antwortet der.
„Früher hätt’s das nicht gegeben“, murmelt die Frau und geht weg.
Der kleine Junge ruft mit dem Handy seinen Vater an.
Es dauert nicht lange, da fährt der Vater energisch mit dem Auto vor.
Die Polizei hat er auch schon benachrichtigt.
Die fährt mit Blaulicht vor.
Worum es bei dem Streit eigentlich ging, lässt sich nicht mehr wirklich rekonstruieren.
Der Junge sitzt eingeschüchtert auf der Bank und schweigt.
„Da müssen Sie aber jetzt auf jeden Fall die Anstalt anrufen, aus der der Junge ausgebrochen ist“, sagt der Vater zum Polizisten.
Der Polizist geht auf den Jungen zu.
„Sag mal, Dich kenn ich doch. Du bist doch auch immer beim Fußballtraining der Jugendmannschaft, oder?“, fragt er.
Der Junge nickt.
Ungefragt nennt er seine Adresse.
„Ok“, sagt der Polizist, „dann fahre ich Dich jetzt mal nach Hause!“

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Montag, 1. Mai 2017

Anstrengend

„Hast Du Dein Mäppchen eingepackt?“, fragt die Lehrerin DAS MÄDCHEN.
Das Mädchen nickt.
„Und wo sind die Zettel mit den Rechenaufgaben für zu Hause?“
Das Mädchen macht den Ranzen noch einmal auf, wühlt und findet die Zettel, die es schon eingepackt hatte.
„Vergiss ja Deine Jacke nicht“, ermahnt die Lehrerin. „Wo ist die eigentlich?“
Das Mädchen hatte sie schon längst in den Ranzen gestopft.
Jetzt läuft es schnell aus der Klasse und nach Hause.
„Und, wie war’s heute?“, fragt die Mutter.
Das Mädchen stöhnt: „Anstrengend!“
Die Mutter zuckt ein bisschen zusammen. Ist die allgemeine Schule vielleicht doch viel zu anstrengend für das Mädchen, wie so viele gewarnt hatten?
Dann fragt sie noch einmal nach:
„Was war denn heute so anstrengend?“
„Lehrerin“, sagt das Mädchen schnell. Dann verschwindet es in seinem Zimmer und macht sich eine CD mit Kinderliedern an.

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Montag, 24. April 2017

Hausschuhe

Der Träger der Behindertenhilfe feiert.
Am Ortsrand, zwischen Einkaufszentrum und Gewerbegebiet, ist eine neue Zweigstelle entstanden.
Es gibt dort eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung, ein Wohnheim und Appartements für betreutes Wohnen.
Die Eltern DES MÄDCHENS nutzen den Tag der Offenen Tür, um sich den Komplex genauer anzuschauen.
Die Werkstatträume sind modern und hell mit großen Fenstern.
Es gibt eine Cafeteria und einen Hof mit Blumenwiese und Gartenbänken hinter dem Haus.
„Super, nicht wahr?“ Die Mitarbeiterin, die die Eltern herumführt, ist begeistert: „Und schauen Sie sich das hier an: Der Ausgang des Wohngebäudes und der Eingang zur Werkstatt sind nur ein paar Meter auseinander. Wir müssen nur noch ein Glasdach über den Weg bauen, dann können die Bewohner in Hausschuhen zu ihrem Arbeitsplatz kommen. Ist das nicht wunderbar für Ihre Tochter, wenn sie erwachsen ist?“
Die Eltern sagen erst einmal nichts.
„Unsere Tochter wird sicherlich später viel Hilfe brauchen“, sagt die Mutter schließlich, „aber wir möchten, dass sie mehr von der Welt sehen darf als nur das, was man mit Hausschuhen erreichen kann.“
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Montag, 17. April 2017

Oma

DER JUNGE geht in den Kindergarten im Ort.
Alleine gehen kann er aber nicht. Er geht mit seinem Gehwagen.
„Walker“ sagen die Erwachsenen dazu.
Im Kindergarten hat er viele Freunde.
Auch im Kindergottesdienst ist er mitten drin.
Mit seinem Gehwagen kommt er überall in der Kirche hin.
Dabei trifft er einen Kindergartenfreund und dessen Oma.
Die alte Dame mustert ihn.
Dann dreht sie sich zu ihrem Enkel um und sagt:
„Ah, der Bub ist also behindert!“
Ihr Enkel schaut sie entrüstet an:
„Nein, Oma, der ist nicht behindert! Der kann nicht laufen.“
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Montag, 10. April 2017

Alle

Die Mutter holt DEN JUNGEN von der Schule ab.
Als erstes stürmt einer der Mitschüler aus der Klasse und ruft laut:
„Die Inklusionskinder nerven total!“
Die Mutter spricht ihn an:
„Und die anderen Kinder, nerven die nicht?“
„Doch, auch…“, räumt der Junge ein.
„Wer denn?“, möchte die Mutter wissen.
„Paul ist oft gemein, Hannah quatscht die ganze Zeit und Eric war heute voll fies…“, zählt der Junge auf.
„Und warum sagt du dann, die Inklusionskinder nerven total“, fragt die Mutter.
Der Junge zuckt mit den Achseln:
„Für die anderen zusammen weiß ich kein Wort!
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Montag, 3. April 2017

Über die Straße

DER JUNGE fährt mit dem Linienbus zur Schule.
Den Weg dorthin übt er seit einiger Zeit zusammen mit seiner Mutter.
Einmal muss er über die Straße gehen.
Das ist wegen der vielen Autos nicht ganz ungefährlich.
Die Mutter hat lange überlegt, wo es wohl am besten ist:
Vor der Kurve, direkt hinter der Kurve, noch ein Stück weiter, wo man alles besser einsehen kann…
Heute beschließt der Junge spontan: Er geht ab jetzt alleine zum Bus!
„Ich schon groß!“, sagt er entschlossen, schnappt sich seine Schulsachen und geht aus der Tür.
Die Mutter springt hinterher. Sie will schon rufen, doch da sieht sie, was der Junge macht:
Vorsichtig nach links und rechts guckend geht er direkt vor dem Haus auf die andere Straßenseite.
Von da aus ist der Weg zum Bus zwar ein bisschen länger,  aber eine Straße muss er jetzt nicht mehr überqueren.
Die Mutter macht die Tür hinter sich zu, schenkt einen Kaffee ein und fragt sich:
Und warum bin ich nicht darauf gekommen?
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Montag, 27. März 2017

Der Ausstieg

Es war ein langer Tag. DER JUNGE im Rollstuhl ist mit seiner Mutter und der kleinen Schwester im Zug auf dem Weg nach Hause.
Da ertönt eine Ansage: „Im nächsten Bahnhof ist die Personenbeförderungsanlage defekt. Der Ausstieg für Fahrgäste im Rollstuhl ist deshalb leider nicht möglich…“
„Da kann man nichts machen“, erklärt der Schaffner der Mutter noch einmal persönlich: „Wir haben den Mobilitätsservice schon benachrichtigt und die Mitarbeiter von der Ausstiegshilfe zum nächsten Bahnhof umbestellt. Von dort aus haben Sie dann 45 Minuten später Anschluss mit einem Niederflurbus in Ihren Ort.“
„Aber das dauert Stunden. Und die Kinder sind schon todmüde! Kann uns nicht jemand beim Aussteigen helfen? Mein Sohn wiegt keine 40 Kilo, und der Rollstuhl ist auch nicht schwer“, bittet die Mutter.
„Nein, das geht nicht“, sagt der Schaffner. Der Zug rollt langsamer. Gleich wird er den Heimatort des Jungen erreichen.
Zwei junge Männer schalten sich ein: „Wir können Ihnen helfen, wir steigen hier sowieso aus.“ Die Mutter seufzt erleichtert.
„Nein, das geht nicht“, wiederholt der Schaffner etwas lauter, „wenn der Mobilitätsservice nicht da ist, darf der Rollstuhl nicht aussteigen!“ Dann läuft er wütend ins Schaffnerabteil.
Als der Zug hält, heben die beiden Männer nach Anweisung der Mutter den Jungen und seinen Rollstuhl aus dem Zug.
Über den Bahnsteig scheppert dazu die laute Stimme des Schaffners aus einem Lautsprecher: „Das Aussteigen des Rollstuhls ist hier verboten! Das Aussteigen des Rollstuhls ist hier verboten. Das Aussteigen…“
Die kleine Schwester fängt an zu weinen. Schluchzend sagt sie zur Mutter und den Männern: „Aber das ist kein Rollstuhl, der hier aussteigt. Das ist mein Bruder!“

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Dienstag, 21. März 2017

Schnuppern (zum Welt-DS-Tag)

Heute ist Schnuppertag im Kindergarten.
Die Mutter ist glücklich, denn es ist eine inklusive Einrichtung.
Schon einige Kinder mit Down-Syndrom waren dort.
Fotos von ihnen hängen eingerahmt im Flur. Lachende lustige Kinder.
Auch DAS MÄDCHEN ist mit dem Down-Syndrom geboren worden.
Die Erzieherin nimmt es freundlich in Empfang. Die Mutter geht nach Hause.
Als sie mittags wieder kommt, sitzt das Mädchen mit einem Stück Knete in der Hand in einer Ecke.
Die Erzieherin schaut nicht mehr ganz so freundlich.
Sie erzählt: Das Mädchen sei ja sehr still. Sehr misstrauisch. Habe nichts mitmachen wollen. Habe um sich geschlagen, als die anderen es in den Kreis holen wollten. Habe schließlich ganz allein für sich gemalt. Allerdings nur Krickelkrackel. Und gelächelt: kein einziges Mal.
Die Mutter nickt. Sie kennt ihre Tochter schließlich gut.
„Wir haben uns hier eigentlich bei der Inklusion auf Kinder mit Down-Syndrom spezialisiert“, sagt die Erzieherin, „weil die immer so reizend sind. Aber ich spreche mal mit dem Team.  Vielleicht können wir bei Ihrer Tochter auch mal eine Ausnahme machen.“
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Montag, 20. März 2017

Raus

Und raus jetzt!
Widerwillig rollt er dann immer aus dem Klassenzimmer in den Raum, der „Differenzierungsraum“ heißt. Manchmal heißt er auch „Inklusionsraum“.
„Ich will hierbleiben bei meinen Freunden“, sagt er heute.
„Aber im kleinen Raum kannst Du Dich viel besser konzentrieren“, sagt die Sonderpädagogin,
„hier ist es viel zu laut für Dich!“
 „Mir ist es nicht zu laut“, murmelt er und bleibt einfach sitzen.
 Zwischen all den fröhlich schwatzenden Kindern.
„Aber ICH kann mich hier nicht konzentrieren!“, ruft die Sonderpädagogin laut.
Er rollt mit den Augen.
Und stellt die Bremse an seinem Rollstuhl noch ein bisschen fester.

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Montag, 13. März 2017

Götter

Es regnet wie aus Kübeln.
Die Mutter holt DEN JUNGEN ausnahmsweise mit dem Auto ab.
An der Bushaltestelle stehen drei nasse Mädchen aus einer anderen Klasse.
Eines der Mädchen war mit dem Jungen vier Jahre lang in einer Grundschulklasse.
Die Mutter hält an und fragt: „Wollt ihr mitfahren?“
Sie wollen gerne und quetschen sich ins Auto.
Dem Jungen gefällt das nicht. Anders als sonst ist es im Auto jetzt voll und laut.
„Die Götter zürnen!“, sagt er schließlich ernst und sehr feierlich.
Zwei Mädchen schauen ihn irritiert an.
Das Mädchen aus seiner Grundschulklasse lacht und sagt:
„Ach, Du immer mit Deinen Göttern! Die haben sich doch früher auch immer schnell wieder beruhigt, oder?“
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Montag, 6. März 2017

Schreibschrift

Alle Kinder üben Schreibschrift.
Nur DAS MÄDCHEN nicht.
„Das lernst Du nie!“, davon ist die Lehrerin überzeugt.
Sie schickt das Mädchen mit der Schulbegleitung raus, um zu puzzeln.
Die Mutter aber möchte, dass das Mädchen alles lernen darf.
Zumindest versuchen.
Also setzt sie sich zu Hause mit dem Mädchen hin und schreibt.
Tag für Tag.
Das Mädchen zeichnet ohnehin gerne und gut.
Jetzt bekommt es so langsam auch Spaß am Schreiben.
Es schreibt immer besser und immer mehr.
Seine Werke bringt es stolz mit in die Schule.
Dort schreiben wieder einmal alle Kinder.
Nur das Mädchen nicht.
„Das kannst Du doch schon so gut“, sagt die Lehrerin,
„das brauchst Du ja jetzt nicht mehr zu üben.“
Und dann schickt sie das Mädchen wieder raus. Zum Puzzeln.
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Montag, 27. Februar 2017

Der Neubau

Tag der Offenen Tür.
Der neue Anbau des Gymnasiums wird eingeweiht.
Auch die Mutter ist gekommen. Denn auch sie braucht in zwei Jahren eine weiterführende Schule für DAS MÄDCHEN im Rollstuhl.
Die Schulleiterin führt durch den Neubau: Rollstuhl-Toilette, Aufzüge in allen Ebenen, barrierefreie Zugänge überall.
Die Mutter ist sehr beeindruckt.
Einer der Besucher fragt: „Wie viele Schüler im Rollstuhl haben Sie denn hier?“
„Zurzeit keine“, antwortet die Direktorin. „Aber wir hatten schon zwei: Bei dem einen hat das auch sehr gut geklappt. Bei dem anderen haben wir uns mit den Eltern darauf geeinigt, dass er doch besser woanders beschult wird.“
Das interessiert die Mutter sehr.
Sie fragt nach: „Damals war ja noch nicht alles barrierefrei hier. War das das Problem?“
„Nein“, sagt die Direktorin: „Die Einstellung hat einfach nicht gestimmt. Wenn wir hier schon so einen Umstand betreiben, dann erwarten wir schon, dass sich der Schüler auch gut benimmt. Und dankbar ist.“
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Montag, 20. Februar 2017

Neu

Die Mutter schaut sich eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung an.
Dann sitzt sie beim Leiter im Büro.
Bisher ist DAS MÄDCHEN inklusive Wege gegangen. Aber jetzt?
„Inklusion ist doch bei uns auch längst angekommen“, beruhigt sie der Leiter.
Das findet die Mutter spannend und fragt nach.
„Bisher“, sagt der Leiter, „war bei uns auch vieles getrennt. Aber jetzt haben wir etwas ganz Neues: Unsere Kantine.“
Und er erklärt. In der neuen Kantine essen die Menschen mit Behinderung nicht mehr allein.
Sie essen jetzt gemeinsam mit ihren Anleitern und den pädagogischen Kräften der Werkstatt.
Die hatten vorher eine eigene Kantine.
Der Leiter reicht der Mutter den Essensplan.
Heute gibt es Jägerschnitzel.
Ganz oben auf dem Blatt steht in großen Buchstaben:
„Inklusive Kantine“
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Montag, 13. Februar 2017

Nass oder trocken

Wie soll die Tafel gewischt werden?
Das ist Thema der Konferenz aller Lehrer der Klasse.
„Ich hasse dieses Gematsche und Gekleckere“, sagt der Mathelehrer.
Nur wenn die Tafel ordentlich nass gewischt wurde, kann DAS MÄDCHEN gut davon ablesen.
„Ich finde einen trockenen Schwamm auch völlig ausreichend“, sagt die Lateinlehrerin, „wie der nasse immer stinkt. Ekelhaft.“
Auf einer trocken abgewischten Tafel bleibt eine weiße dünne Kreideschicht übrig.
Auf ihr verschwimmen die Kontraste.
„Aber das Mädchen kann dann nicht mehr alles erkennen“, gibt die Klassenlehrerin zu bedenken.
„Wir könnten eine elektronische Tafel beantragen“, schlägt der Physiklehrer vor, „die kann man mit einem kabellosen Stift beschreiben.“
„So ein neumodischer Kram kommt mir nicht ins Haus“, ruft die Direktorin.
„Man könnte immer zweimal trocken wischen, vielleicht reicht das“, schlägt die Englisch-Lehrerin vor.
Ja, vielleicht.
„DAS MÄDCHEN kann ja auch das, was es nicht erkennt, von seiner Nachbarin abschreiben“, wirft der Gemeinschaftskundelehrer ein.
Die Diskussion dauert noch eine ganze Weile.
Die Abstimmung dann ergibt: 5:4.
Die Tafel wird in Zukunft nur trocken gewischt. Möglichst zweimal.
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Montag, 6. Februar 2017

Kopien

Alle sollen den Text lesen.
DER JUNGE bekommt ihn nicht in A 4, sondern auf A 3 größer kopiert, damit er ihn leichter lesen kann.
Aber er will ein kleines Blatt, wie alle anderen auch.
„Brauch ich nicht“, sagt er energisch und schiebt das Blatt weg.
Schnell ist eine Mitschülerin bei ihm.
„Du, kann ich das Blatt haben?“, fragt sie.
„Brauchst Du den Text auch größer?“, schaltet sich die Lehrerin ein.
„Nein“, sagt das Mädchen, „aber meine Mama! Die sagt immer zu mir:
„All die Kopien mit dieser Mini-Schrift. Bei denen kann ich Dir nicht helfen. Das schaffen meine Augen einfach nicht mehr. Ich bin doch schon über 40!“
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Montag, 30. Januar 2017

Die Spülmaschine

Lehrerkonferenz. Die Sonderpädagogin meldet sich zu Wort.
Sie bittet die Hauptschullehrer, ab sofort immer ihre schmutzigen Kaffeetassen und Becher im Lehrerzimmer neben der Geschirrspülmaschine stehen zu lassen. Künftig werde sie jeden Tag mit zwei der behinderten Schüler kommen und die Maschine einräumen. Diese Kinder müssten dringend in lebenspraktischen Dingen unterrichtet werden.
Heute ist auch DAS MÄDCHEN dabei. Es ist sehr langsam und mit den Händen nicht so geschickt. Immer wieder versucht es, die Becher so in die Maschine zu räumen, wie Sonderpädagogin es immer wieder erklärt: So, dass jeder Becher von zwei Gitterstangen gehalten wird, und alle Abstand voneinander haben.
Doch das klappt nicht wirklich. Das Mädchen wird immer verzweifelter. Die Sonderpädagogin erklärt es noch einmal.
Eine Lehrerin, die gerade Klassenarbeiten korrigiert, hört das Ganze mit an. Sie kann sich nicht mehr gut konzentrieren.
In der nächsten Pause trifft sie das Mädchen auf dem Gang. Sie nimmt es kurz zur Seite und sagt leise zu ihm:
 „Weißt Du was -  ich stell‘ das Geschirr zu Hause oft auch einfach kreuz und quer in die Spülmaschine…“
Das Mädchen lacht.
Es klingt ein bisschen verlegen. Und ein bisschen erleichtert.
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Montag, 23. Januar 2017

Müde

Die Mutter DES JUNGEN wurde eingeladen.
Sie erzählt in einer Gruppe von angehenden Sonderpädagogen über Inklusion in der allgemeinen Schule
Einige haben Bedenken. Sie befürchten, dass die Kinder mit Behinderung dort überfordert sind.
Eine junge Frau meldet sich.
Sie unterrichtet gerade zum ersten Mal „draußen“, wie sie sagt.
„Ich habe da ein Mädchen“, berichtet sie,  „das ist manchmal in der 6. Stunde so müde, dass es einschläft. Ich bin dann immer ganz verzweifelt. Was soll ich dann bloß machen?“
„Och“, wirft ein anderer ein, „das habe ich in meiner Sonderschulklasse auch immer mal wieder!“
Die Mutter fragt: „Und was machen Sie dann?“
„Na, ich lass sie schlafen!“, sagt er.
Nach kurzer Diskussion finden alle:
Das ist eine gute Idee! Wer ab und zu so müde ist, dass ihm die Augen zufallen, der soll schlafen dürfen.
Egal in welcher Schule.
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Montag, 16. Januar 2017

Der Elternabend

„Das wäre doch schön“, sagt ein Vater beim Elternabend, „wenn sich die Inklusionseltern einmal vorstellen.“
Stille.
Niemand meldet sich.
Nicht der Vater, der von Geburt an nur eine Niere hat.
Auch nicht die Mutter, die seit langem schon in psychiatrischer Behandlung ist.
Auch nicht der Vater, der inzwischen mit einem anderen Vater zusammenlebt.
Und auch nicht die Mutter des Kindes, das nach der Trennung der Eltern wieder jede Nacht ins Bett macht.
Und auch nicht die Eltern des Jungen, der schon mit drei Jahren fließend lesen konnte.
Und auch nicht die Mutter DES MÄDCHENS.
Schließlich einigt man sich.
Alle Eltern stellen sich einmal kurz vor.
Und jeder erzählt über sich und seine Familie, was er möchte.
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Montag, 9. Januar 2017

Mitmachen

Musikunterricht in der Grundschule. Alle sitzen im Kreis. Auch DAS MÄDCHEN.
Dicht neben ihr sitzt die Schulbegleiterin.
Alle klatschen. Das Mädchen klatscht nicht mit.
Da nimmt die Schulbegleiterin ihre Hände und klatscht sie immer wieder zusammen.
Alle nehmen die Klanghölzer und schlagen sie im Takt.
Das Mädchen hat die Hölzer auf dem Schoß liegen.
Die Schulbegleiterin klappert mit ihren Hölzern direkt vor ihr und schaut sie dabei aufmunternd an.
Das Mädchen hält sich die Ohren zu.
Alle singen. Das Mädchen singt nicht mit.
Die Schulbegleiterin neben ihr singt besonders laut und deutlich.
Das Mädchen weint.
Nun kommt die Lehrerin auf sie zu.
„Lassen Sie nur“, stoppt die Schulbegleiterin sie, „das Kind braucht eine Auszeit.“
Sie nimmt das Mädchen an die Hand und geht mit ihr nach draußen.
In der nächsten Musikstunde ist die Schulbegleiterin krank.
Das Mädchen sitzt im Kreis.
Es klatscht nicht, es klopft nicht, es singt nicht.
Es hört einfach nur zu.
Die Lehrerin lächelt manchmal, wenn sie zu ihr hinschaut.
Ganz am Ende der Stunde geht das Mädchen zur Musikinstrumentenkiste und holt sich eine Triangel.
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Montag, 2. Januar 2017

Die Streithühner

Den ganzen Morgen haben sie sich schon gestritten.
Schulfreundin 1 und Schulfreundin 2 DES JUNGEN.
Richtige Streithühner sind sie heute.
Sie lassen sich von niemandem von ihrem Streit abbringen.
Eines der Mädchen muss sogar weinen.
Der Junge beobachtet alles ganz genau.
Nun sind Schule und Hort zu ende. Die Mädchen sind immer noch verkracht.
Der Junge wird von seiner Mutter abgeholt.
Er läuft schon auf sie zu, als auch seine Freundinnen aus der Tür kommen:
Erst die eine, dann die andere.
Da kehrt der Junge noch einmal um.
Er geht zu seiner Freundin 1, nimmt sie an die Hand und bringt sie zu Freundin 2.
Lange, mit vielen Worten und mit Händen und Füßen, redet er auf beide ein.
Als die Mutter näher kommt, schickt er sie weg.
Die Mutter soll nicht zuhören.
Er nimmt die Hand der einen Freundin und führt sie zur Hand der anderen.
Beide Mädchen geben sich nun die Hand. Die Mutter hört sie lachen.
Da dreht sich der Junge um und läuft zu seiner Mutter.
„Jetzt nach Hause!“, sagt er sichtlich erleichtert.
Die Mutter nimmt ihn in den Arm, und beide fahren nach Hause.
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