Montag, 11. Dezember 2017

Im Zug

DER JUNGE ist im Krabbelalter. Die Mutter ist mit ihm im Zug unterwegs. Sie hat zwei Plätze in einem Sechserabteil gebucht.  Am Anfang sitzt der Junge brav auf ihrem Schoß. Ihr gegenüber arbeitet ein Mann konzentriert an seinem Laptop. Irgendwann wird es dem Jungen zu langweilig. Er fängt an, durchs Abteil zu krabbeln. Der Mann schaut kurz auf, zieht die Augenbrauen hoch und tippt dann weiter. Der Junge findet die Anzughosen des Mannes samt Bügelfalten sehr spannend. Doch die Mutter zieht ihn rechtzeitig weg, bevor er danach greifen kann. Der Mann schüttelt energisch den Kopf. Die Mutter gibt ihrem Sohn eine Zeitschrift in die Hand. Mit der sitzt der Junge jetzt sehr glücklich auf dem Boden und reißt sie in kleine Stücke. Nach einer Weile klappt der Mann seinen Laptop zu und schaut die Mutter an: „Sagen Sie, könnten Sie nicht mal den Schaffner fragen, ob es in diesem Zug ein Behindertenabteil gibt? Das wäre doch für Ihren Sohn genau richtig!“
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Montag, 4. Dezember 2017

Im Chor

„Und dann haben sie mich einfach allein im Raum stehen lassen und gesagt, ich soll doch mit den Kindergartenkindern mitsingen!“ Das MÄDCHEN war hell empört vom kirchlichen Kinderchor zurückgekommen, in dem sie gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester singt. 
Eigentlich probt der Schülerchor in einem barrierefreien Raum. Aber letzte Woche hatte der Chorleiter spontan mitten während der Probe mit der zweiten Chorgruppe gewechselt. Deren Proberaum hat einen Flügel und die bessere Akustik. Aber der Raum liegt eine halbe Treppe tiefer – unerreichbar für das Mädchen in seinem E-Rolli.
Die Mutter hatte daraufhin den Chorleiter angerufen und ihn gebeten, keine spontanen Raumwechsel mehr vor zu nehmen.: „Wenn ich das vorher weiß, dann bringe ich den alten Rolli ohne Motor mit. Damit kann ich meine Tochter die Treppe zum anderen Raum hinuntertragen.“
Die Chorprobe heute ist zu ende. Als die Mutter ihre Töchtern abholt, spricht der Chorleiter sie an: „Ich habe noch mal über Ihren Anruf nachgedacht. Das ist mir einfach zu viel Planungsaufwand. Ich kann schließlich nichts dafür, dass es so kompliziert mit Ihrer Tochter ist. Außerdem hatte ich damals gleich gesagt, dass ich sie nur nehme, weil die gesunde Schwester schon hier ist….“
Die Mutter drückt ihre Töchter an sich und schaut den Chorleiter entsetzt an. Doch der ist nicht zu stoppen: „Normalerweise hätte ich überhaupt kein Kind im Rollstuhl aufgenommen. Die Belastung durch so was ist einfach viel zu hoch!“ Und etwas leiser fügt er noch hinzu: „Das wird man bei aller Rücksichtnahme doch noch sagen dürfen!“
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Montag, 27. November 2017

Ketchup



Mittagessen in der Schule.
Eine Lehrerin, die bislang noch gar nichts mit der „Inklusionsklasse“ zu tun hatte, sitzt heute mit am Tisch.
Es gibt Würstchen, Kartoffelsalat und Ketchup.
DER JUNGE möchte nur ein halbes Würstchen mit Ketchup.
Als er fertig ist, greift er noch einmal zur Ketchup-Flasche.
Die Lehrerin stoppt ihn:
„Was willst Du denn damit?“, fragt sie.
Der Junge sieht sie lange  an und sagt schließlich:
„Würstchen ist für den Magen.“
Dann macht er eine bedeutungsschwere Pause und fügt hinzu:
„Ketchup ist fürs Herz!“
Die Lehrerin lacht und lässt ihn einen riesengroßen Klacks Ketchup auf seinen Teller drücken.
Den löffelt der Junge anschließend sehr zufrieden auf.
Und die Lehrerin freut sich schon auf das nächste Mal, wenn sie bei dieser Klasse eingeteilt ist.
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Montag, 20. November 2017

Süßspeisen

DAS MÄDCHEN hat eine neue Lehrerin.
Die Lehrerin ist aus der Sonderschule in die Inklusion gewechselt.
„An meiner Schule haben Kinder wie das Mädchen kein Englisch gelernt“, sagt sie, als sie die ersten Arbeitsblätter erstellen soll, „das Mädchen kann ja noch nicht einmal richtig Deutsch!“
An ihrer alten Schule wurde viel gekocht und gebacken. Dort war sie die Spezialistin für Süßspeisen. Im Quarkspeisen-Projekt hatte sie jede Woche mit ihren Schülern eine andere Quarkspeise zubereitet.
Auch an dieser Schule wird gekocht, aber nur im Fach „Ernährung“, und dann mit allen Schülerinnen und Schülern. Dort brauchen die Lehrer aber keine sonderpädagogische Unterstützung.
Eingesetzt ist die Lehrerin in den Hauptfächern.
„Wie wäre es“, schlägt ihr die Mathelehrerin vor, „wenn Sie die Einführung der Brüche für die ganze Klasse machen, so ganz anschaulich und praktisch. Das wäre für alle gut!“
„Ach, nee, lieber nicht“, die Lehrerin schüttelt den Kopf, „Brüche waren noch nie mein Ding!“
Nach einem Schuljahr lässt sie sich wieder an die Sonderschule zurückversetzen.
Gleich in der ersten Woche bringt sie ihr Lieblingsrezept mit: Erdbeer-Quarkspeise.
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Montag, 13. November 2017

Die Nachbarin

Die Mutter des MÄDCHEN steht im Garten und unterhält sich mit der neuen Nachbarin.
"Also, ich fände das ja total toll, wenn unsere Kinder viel zusammen spielen“, sagt diese gerade. „Es ist ja so gut, wenn Kinder von Anfang an lernen, Rücksicht zu nehmen.“
Sie geht in die Hocke und stupst das Mädchen an: „Du bist ja auch eine ganz Süße!"
Dann nimmt sie ihrer Tochter den Ball aus der Hand und wirft ihm dem Mädchen zu: "Kommt, jetzt spielt doch mal!“
Die Kinder schauen sich nur vorsichtig an.
"Mein Mann wollte ja zuerst einen Zaun“, fährt sie fort, „aber ich habe gleich gesagt: Nein! Unsere Tochter soll so viel Kontakt wie möglich zu Ihrer Tochter haben, um Sozialkompetenz zu entwickeln."
Die Nachbarin wendet sich wieder dem Mädchen zu: „Willst du nicht morgen Nachmittag zusammen mit uns ins Schwimmbad gehen?"
Das Mädchen schaut die neue Nachbarin nur mit großen Augen an.
"So, jetzt müssen wir mal wieder rein", schaltet sich die Mutter des Mädchens ein,
„vielleicht warten wir erst einmal ab, ob sich die Mädchen überhaupt mögen.“
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Montag, 6. November 2017

Acht Wochen

Acht Wochen läuft das neue Schuljahr nun schon.
Einen Förderplan gibt es noch nicht.
„Ich kenne DAS MÄDCHEN ja noch gar nicht “, sagt der neue Sonderpädagoge in der ersten Woche.
Er kommt einmal in der Woche für vier Schulstunden.
In der zweiten Woche ist er allerdings krank.
In der dritten Woche kann er auch nicht kommen. Da hat er Verpflichtungen an der Hochschule.
Er bildet nämlich angehende Sonderpädagogen aus.
In der vierten Woche sagt er zur Mutter, die langsam ungeduldig wird: „Ich kenne ihre Tochter noch immer nicht gut genug!“
In der fünften Woche sind Projekttage an der Schule. Da findet kein normaler Unterricht statt.
In der sechsten Woche muss er Prüfungen an der Hochschule abnehmen.
In der siebten Woche sagt er zur Mutter: „So ein leistungsfähiges Kind wie Ihre Tochter hatte ich bei meinen behinderten Schülern noch nie. Das muss ich erst einmal noch verarbeiten.“
In der achten Woche ruft er die Mutter an und sagt ihr, dass er ab sofort in Elternzeit geht.

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Montag, 30. Oktober 2017

Die Wohngemeinschaft

DAS MÄDCHEN ist schon fast erwachsen. Deshalb wollte es gerne ausziehen. Da passte es gut, dass der örtliche Träger der Behindertenhilfe gerade Mieter für eine WG im ambulanten Wohnen suchte.
Die Eltern hatten ausführlich mit dem Leiter über die Unterstützung gesprochen, die das chronisch kranke Mädchen braucht:  Viel Hilfe im Alltag und vor allem alle zwei Stunden seine Medikamente. „Das lässt sich alles einrichten“, hatte dieser gesagt: „Mit der Zeit werden alle unsere Mieter selbständiger. Die Fachkräfte trainieren mit ihnen Mobilität und Haushaltsführung.“
Inzwischen wohnt das Mädchen schon seit drei Monaten in der WG. Die Fachkräfte beschäftigen sich vor allem mit der Dokumentation. Die Medikamente geben sie dem Mädchen nicht. Dafür müssen die Eltern einen Pflegedienst beauftragen, der mehrmals am Tag nur hierfür kommt. Auch Trainings gibt es nicht. Die Bewohner sollen alleine putzen und am Wochenende kochen. Doch das können sie nicht. Deshalb gab es schon wochenlang am Wochenende nichts mehr Warmes zu essen. Als die Eltern sich beschweren, heißt es: Mehr geht eben nicht. Also putzen die Eltern jetzt selbst und organisieren eine Hilfskraft fürs Kochen am Wochenende. Schließlich resignieren sie. Sie kündigen den WG-Platz.
Nun müssen sie eine neue Wohnmöglichkeit für das Mädchen suchen. Heute frühstücken sie erst einmal gemeinsam mit ihrer Tochter zu Hause. Als die Mutter die Lokalzeitung aufschlägt, liest sie ein Interview mit dem Leiter der Behindertenhilfe. Dort stellt er sein neues Konzept vor und erwähnt auch, dass in der Wohngemeinschaft wieder ein Platz frei ist. Dazu wird er so zitiert: „Manchmal ist es eben schwierig. Wir arbeiten zwar schon im Vorfeld eng mit den Eltern zusammen und bieten psychologische Hilfe an. Aber manche Eltern schaffen es einfach nicht, ihre Kinder loszulassen!“
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Montag, 23. Oktober 2017

Die Leiter

Erlebnistag der Klasse im Wald.
Gemeinsam mit einem Trainer geht es um Teambildung.
Die Kinder sollen eine freistehende Leiter besteigen.
Die Leiter wird von den Kindern selbst gut gesichert, ist aber ziemlich wackelig.
DAS MÄDCHEN mag steile Treppen, Leitern und ähnliches überhaupt nicht.
Trotzdem geht es nach vorne.
„Super“, freut sich der Trainer.
„Du schaffst das!“, ruft die Klassenlehrerin.
Die Mitschüler feuern das Mädchen an.
Es steigt die Leitersprossen hoch.
„Du entscheidest, wie weit“, sagt der Trainer.
„So weit“, sagt das Mädchen, lässt sogar mit einer Hand los und winkt den anderen zu.
Die klatschen noch lauter.
Als das Mädchen wieder unten ist, wird es von allen fröhlich abgeklatscht.
Die Lehrerin nimmt es in den Arm.
Als Erinnerung hat sogar jemand ein Foto gemacht:
Wie das Mädchen da steht,
ganz stolz,
auf der dritten Leitersprosse.
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Montag, 16. Oktober 2017

Die Lehrprobe

In der Klasse des MÄDCHEN ist Lehrprobe.
Die junge Lehrerin ist ziemlich aufgeregt.  Man hatte ihr gesagt, eine Lehrprobe mit dem Mädchen sei besonders schwer.  Aber sie hatte einfach alle Kinder gebeten, richtig gut mit zu machen. Im Klassenzimmer sitzen heute die Schulleiterin und noch zwei weitere wichtige Menschen. Die  Klasse liest gerade "Die kleine Hexe". Die Lehrerin hat dazu viel vorbereitet: Die Kinder teilen sich in Gruppen auf. Sie schreiben zusammen eine Hexenzeitung. Jede Gruppe macht eine eigene Seite auf einem Plakat. Das Mädchen kann noch nicht viel lesen und schreiben. Also schneidet es die passenden Bilder aus. Dann ist gemeinsame Redaktionssitzung. Die Kinder lesen sich gegenseitig ihre Zeitungsseiten vor. Auch das Mädchen liest zwei Überschriften. Am Ende singen alle zusammen das Hexenlied.
Dann ist die Stunde vorbei. Die wichtigen Menschen sehen ziemlich zufrieden aus. Später werden sie sagen: „Das war vorbildlich, wie wirklich alle Kinder mitgemacht haben!“
Bevor die Lehrerin mit den anderen Erwachsenen aus der Klasse geht, kommt noch eine Schülerin auf sie zu. „Du…“, sagt sie, „können wir jetzt jedes Mal so schönen Deutsch-Unterricht machen?“
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Montag, 9. Oktober 2017

Die Kooperationsklasse

„Kooperationsklasse“ heißt die Klasse, die der JUNGE jetzt besucht.
Die Sonderschulklasse kooperiert mit einer 5. Klasse an der allgemeinen Schule.
Das sei die einzige Möglichkeit für weiteren gemeinsamen Unterricht nach der Grundschule, hatte der Schulrat erklärt.
Neben dem Klassenzimmer gibt es einen sogenannten Differenzierungsraum.
Dort sollen die Kinder mit Behinderung einzeln gefördert werden, immer dann wenn der gemeinsame Unterricht „pädagogisch keinen Sinne macht“.
Der Sonderpädagoge und die Lehrer würden das jeweils situativ entscheiden.
Deshalb könne man vorher auch keine Quote festlegen.
Die Eltern des Jungen hatten schließlich zugestimmt.
Das Schuljahr beginnt mit zwei Kennenlerntagen: Spiele, eine Kletteraktion und gemeinsames Grillen.
Heute bringt der Junge den Stundenplan mit nach Hause.
Die Mutter liest: "Kooperative Stunden sind blau gekennzeichnet“.
Die Mutter schaut sich den Plan genauer an: Alles ist weiß mit schwarzer Schrift gedruckt - ausnahmslos von Montag bis Freitag. Sie wird immer ratloser.
Doch dann entdeckt sie Donnerstag nachmittags von 14 bis 15.30 Uhr ein kleines Sternchen. Im Erklärungstext darunter steht: "Kunst im Wechsel alle 14 Tage mit Musik".
Und das Kästchen um Musik ist blau unterlegt.
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Montag, 2. Oktober 2017

Passt

„Wir suchen mit Ihnen gemeinsam die passende Schule für Ihr Kind“, steht im Flyer des Staatlichen Schulamtes.
Die Eltern wissen genau, welche Schule für DAS MÄDCHEN passt: Die örtliche Grundschule.
Passt, sagt auch die Logopädin, denn das schüchterne Mädchen spricht inzwischen viel mit den Kindern, die es aus dem Kindergarten kennt.
Passt, sagt auch die Ergotherapeutin, denn das Mädchen soll sich viel bewegen und unbedingt zu Fuß zur Schule gehen.
Passt, sagt auch der Kinderarzt. Er kennt das Mädchen schon lange und weiß, welchen großen Anteil das soziale Umfeld an seinen mühsamen Fortschritten hat.
Das Schulamt plant eine inklusive Gruppenlösung drei Ortschaften weiter: Dort ist die Schule willig, die Sonderpädagogik gebündelt und der Bustransport bereits geklärt.
„Passt“, sagt der Schulrat zufrieden und klappt die Akte zu.
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Montag, 25. September 2017

Sprünge

DER JUNGE ist mit seiner großen Schwester im Schwimmbad.
Er kann sehr gut schwimmen, tauchen und springen.
Deshalb sitzt seine Schwester entspannt am Rand des Beckens.
Der Junge springt abwechselnd mit einem Mädchen vom Startblock.
Köpfer und möglichst viel spritzen – sie feuern sich gegenseitig an.
Dann öffnet das Drei-Meter-Brett. Der Junge stellt sich sofort an.
Das Mädchen traut sich nicht recht und geht zurück zu seiner Mutter, die in der Nähe sitzt.
„Kennst du den behinderten Jungen eigentlich?“, fragt die Mutter.
Die Tochter schaut sie mit großen Augen an: „Da war kein behinderter Junge!“
„Doch“, sagt die Mutter, „der mit dem besonderen Gesicht, der so komisch gesprochen hat.“
Das Mädchen guckt immer ratloser.
Die Mutter ist jetzt leicht genervt: „Nun bist du die ganze Zeit mit dem behinderten Jungen ins Wasser gesprungen! Nun sag mir doch einfach, ob du den schon vorher kanntest!“
„Ach, den meinst du“, antwortet das Mädchen, „dann sag doch gleich: Der Junge, der jetzt vom Dreier springt!“
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Montag, 18. September 2017

Zu viel

Das MÄDCHEN braucht sehr viel Hilfe bei allen Alltagsdingen. Immer muss jemand bei ihm sein, auch um auf die ständigen Anfälle zu achten. Die allgemeine Schule sieht sich nicht in der Lage, das Mädchen zu unterrichten. "Nein," sagt die Schulleitung zu den Eltern, „es braucht zu viel Hilfe. Wir können ihm und den anderen Schülern nicht gleichzeitig gerecht werden."

Die Eltern argumentieren: Sie schaffen das doch auch in der Familie. Natürlich sei es anstrengend, aber man könne ja auch zusätzliche Unterstützung beantragen. Aber die Schule bleibt bei der Ablehnung.

Inzwischen besucht das Mädchen die Sonderschule schon im letzten Jahr. Heute ist Elternabend. Alle Eltern sind aufgeregt. Denn die Schule hat eine große Spende erhalten: Eine Woche Urlaub auf einer Ferieninsel: Flug und Aufenthalt - alles umsonst. Die Schulleitung hat beschlossen: Die Klasse des Mädchens darf in den Süden fliegen! Schon nächste Woche geht es los.

Am Ende des Abends nimmt die Schulleiterin die Mutter des Mädchens zur Seite.

"Leider kann Ihre Tochter nicht mitkommen", sagt sie bedauernd. "Sie braucht zu viel Hilfe. Wir können ihr und den anderen Schülern nicht gleichzeitig gerecht werden."

Die Mutter bietet an, selbst mitzukommen oder nach anderen Lösungen zu suchen. Natürlich sei es anstrengend, aber man könne ja auch zusätzliche Unterstützung beantragen. Aber die Schule bleibt bei der Ablehnung. Das Mädchen muss zuhause bleiben.

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Montag, 11. September 2017

Die Fachfrau

DER JUNGE soll in den allgemeinen Kindergarten im Stadtteil gehen. Die Mutter sucht eine Unterstützungskraft. Der Kindergarten hat einen Tipp bekommen: Diese Fachfrau hätten Kollegen empfohlen.
Die Mutter ruft dort an.
„Ja“, sagt die Dame“, ich bin ausgebildete Fachkraft. Ich finde das auch ganz wichtig, dass man sich mit dem Down-Syndrom auskennt.“ Und dann erzählt sie:
Dass Kinder mit Down-Syndrom ja so musikalisch sind, und sie deshalb ganz viel mit Musik mache.
Dass sie bockig sind, aber da helfe nur strenge Konsequenz ohne Ausnahme.
Das sei auch kein Problem, denn die Menschen mit Down-Syndrom könnten ja nicht nachtragend sein, sondern seien seelisch robust und eigentlich ziemlich unkompliziert.
“Auf das sonnige Gemüt Ihres Sohnes freue ich mich schon richtig“, sagt sie zusammenfassend.
„Entschuldigung“, unterbricht die Mutter, „ich suche eigentlich jemanden, der mein Kind erst einmal kennenlernen möchte.“
„Ja, natürlich“, sagt die Dame, „das kann ich auch gerne machen. Lassen Sie uns doch nach einem Termin schauen.“
Die Mutter zögert: „Ich glaube, ich überleg es mir noch mal ...“
„Aber so eine Fachfrau wie mich finden Sie hier in der Gegend nicht leicht!“, hört sie noch die Stimme aus dem Telefon sagen. Dann beendet die Mutter das Gespräch.
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Montag, 4. September 2017

Mobbing

Die Klasse des JUNGEN beschäftigt sich in einem Schulprojekt intensiv mit den Thema Mobbing.
Auch einen Film sehen sie dazu.
Den Jungen beschäftigt das Thema sehr.
Kurze Zeit später kündigt die Lehrerin an, dass bald ein neuer Junge in die Klasse kommt.
Er ist vor kurzem in den Ort gezogen.
Dann ist der Neue den ersten Tag da.
Der Junge mustert ihn genau.
Schließlich geht er zu ihm hin und sagt „Welcome!“
Dieses Wort hat er gerade im Englisch-Unterricht neu gelernt.
Dann legt ihm feierlich die Hand auf den Kopf und sagt:
„Keine Angst. Ich beschütz‘ dich!“
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Montag, 28. August 2017

Die Schulordnung

DAS MÄDCHEN ist jetzt seit drei Monaten ein Schulkind.
Die Umstellung vom Kindergarten fällt ihm nicht leicht.
Wenn es etwas nicht will, schubst es seine Mitschüler oder Lehrerinnen schon mal weg.
Wenn es Streit gibt, boxt es schnell.
Eines Tages bekommen die Eltern Post von der Schule:
Es geht um Verstöße gegen die Schulordnung.
„Ordnungs- und Erziehungsmaßnahme“ steht da, und es wird angedroht, dass das Mädchen bald einen Tag lang nicht zur Schule kommen darf.
Die Eltern gehen zur Direktorin.
„Sie haben doch ihr Kind hier in die Inklusion geschickt, weil Sie wollen, dass es so behandelt wird, wie alle anderen Kinder auch“, sagt sie.
Die Eltern schauen sich an.
Die Direktorin fährt fort: „Und in der Schulordnung steht nun mal: Wir lösen alle Konflikte verbal.“
„Na, ja“, sagt der Vater vorsichtig, „so behandelt werden wie die anderen soll sie schon. Aber nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten.“
„Und sie kann ja noch nicht richtig sprechen“, ergänzt die Mutter.
Das stimmt: Am Anfang der Kindergartenzeit konnte das Mädchen noch gar nichts sagen. Inzwischen hat es schon ein paar Zweiwortsätze gelernt.
„Hm, das ist schwierig“, sagt die Direktorin und lehnt sich zurück: „Für so was sind wir hier nicht ausgebildet!“
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Montag, 21. August 2017

Die Klassenreise

Die Klassenreise steht bevor.
Alle Kinder freuen sich, auch DAS MÄDCHEN.
„Hast du gar keine Angst in einer Seilbahn?“, fragt die Lehrerin und legt die Stirn in Sorgenfalten.
„Hm…“, sagt das Mädchen.
Im Urlaub in den Bergen ist es immer die erste, die in die Gondel springt.
„Und die wilden Karussells im Vergnügungspark. Sind die was für dich?“, fragt die Lehrerin weiter und legt die Hand auf die Schulter des Mädchens.
„Hm…“, sagt das Mädchen.
Es mag die Karussells in der Tat nicht, aber alles Drumherum: Eis essen, das Gekreische der anderen und die bunten Lichter.
„Vier Tage weg von der Mama. Das ist sicherlich nicht einfach für dich“, sagt die Lehrerin.
„Hm…“, sagt das Mädchen.
Es war gerade zwei Wochen alleine in einer Kinderfreizeit.
Zu Hause geht es zu seiner Mutter und sagt: „Ich möchte nicht mit auf die Klassenreise fahren.“
„Tja“, sagt die Lehrerin, „wenn sie das sagt, dann muss man das auch akzeptieren!“
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Montag, 14. August 2017

Förderplanung

Förderplangespräch mit der Sonderpädagogin DES MÄDCHENS.
Diesmal möchte die Mutter besonders über den Entwicklungsstand im Rechnen sprechen.
„Ja, aber wichtig ist mir auch noch, dass Fähigkeiten aus dem lebenspraktischen Bereich zu Hause geübt werden“, sagt die Sonderpädagogin.
„Alltag lebt meine Tochter mit uns ja sowieso jeden Tag“, antwortet die Mutter, „extra Üben ist da nicht notwendig.“
„Oh, sagen Sie das nicht“, entgegnet die Sonderpädagogin, „ich habe festgestellt, dass Ihre Tochter nicht gut spülen und abtrocknen kann!“
Die Mutter ist irritiert: „Wir haben zu Hause eine Spülmaschine. Und die kann meine Tochter genauso gut ein- und ausräumen wie ihre Schwester, die aufs Gymnasium geht.“
„Trotzdem wäre es gut, wenn Sie mit ihr spülen und abtrocknen üben würden“, beharrt die Sonderpädagogin.
Die Mutter schüttelt verständnislos den Kopf. „Aber warum?“, fragt sie.
„Wissen Sie“, erklärt die Sonderpädagogin, „nicht in allen Wohngruppen gibt es Spülmaschinen. Es kann schon sein, dass Ihre Tochter in eine ohne Spülmaschine kommt.“
„Gut“, sagt die Mutter, „dann verpflichten wir uns jetzt schriftlich, auf eigene Kosten eine Spülmaschine in eine Wohngruppe einbauen zu lassen, falls unsere Tochter jemals dort einziehen möchte. In Ordnung? Können wir jetzt bitte über Mathematik sprechen?“
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Montag, 7. August 2017

Mamas Seele

Die Mutter DES JUNGEN ist geschafft.
Heute war einfach alles zu viel.
Die sonderpädagogische Versorgung an der allgemeinen Schule, in die der Junge geht, ist im nächsten Schuljahr wieder mal völlig ungeklärt.
Dann hat sie heute lange mit einer anderen Mutter diskutiert, deren Kind mit Behinderung in einer Sondereinrichtung lebt. Begründung: Es soll nicht den Blicken der Menschen auf der Straße ausgesetzt sein.
Und dann ist abends, als die Mutter sich im Garten etwas entspannen wollte, eine Brombeere beim Pflücken direkt auf ihre helle Hose gefallen.
Nun sitzt sie frustriert am Küchentisch.
Der Junge kommt mit seinem Kinder-Arztkoffer. Er will helfen: Er guckt der Mutter in die Ohren, horcht sie ab und prüft mit dem Hammer die Reflexe.
Er findet nichts. „Wo bist du denn krank?“, fragt er die Mutter.
„Nicht am Körper, Schatz“, sagt die Mutter, „ein bisschen an der Seele.“
Da holt der Junge ein großes Pflaster aus der Küchenschublade, geht damit zur Mutter und klebt es ihr mitten auf den Bauch.
„Da sitzt Mama Seele?“, fragt der Vater lachend, als er in die Küche kommt, „bist du sicher?“
„Ja!“, sagt der Junge entschieden.
Am nächsten Morgen geht es der Mutter wieder deutlich besser.

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Montag, 31. Juli 2017

Bedingungen

Der Vater DES JUNGEN sitzt verzweifelt im Büro des Kindergarten-Trägers.
„Warum wird mein Sohn nicht aufgenommen?“, fragt er. „Er braucht doch nur einen Rollstuhl. Und hier gibt es noch nicht einmal Treppen. Sie schreiben im Internet: Wir sind eine inklusive Einrichtung. Jedes Kind ist willkommen. Und jetzt lese ich hier: „Fehlende Rahmenbedingungen!“
Er zieht das Schreiben des Trägers aus der Tasche.
Der Verwaltungsleiter nickt verständnisvoll.
„Ich hatte eben schon versucht, es Ihnen zu erklären: Die Stadt verlangt, dass wir auch behinderte Kinder nehmen. Dann wird die Gruppe zwar verkleinert. Aber natürlich wollen wir so viel Hilfe, wie wir bekommen können. Darum: Gehen Sie noch einmal zum Sozialamt. Sie dürfen da gerne ein bisschen übertreiben. Jammern Sie ruhig, wie wenig Ihr Sohn kann! Sagen Sie, 3 x 2 Stunden, wie jetzt schon bewilligt, sind zu wenig. Sie brauchen jemanden, der ihren Sohn durchgehend unterstützt.“
Dann steht der Verwaltungsleiter auf und schüttelt dem Vater zum Abschied die Hand:
„Und wenn Sie die Bewilligung der 1:1-Betreuung haben, dann kommen Sie wieder. Dann nehmen wir Ihren Sohn sehr gerne!“

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Montag, 24. Juli 2017

Prognosen

Die Mutter bekommt ein kleines Video per whatsapp geschickt.
Direkt von der Abschlussfahrt DES JUNGEN.
Zu sehen ist eine hohe Brücke über einem rauschenden Fluss.
Unter der Brücke hängen in gut zwanzig Meter Höhe an Seilen viele bunte Punkte, die sich bewegen.
Es sind, gut gesichert und mit Helm, die Kinder der Klasse. Ganz rechts der lila Punkt ist der Junge.
Adventure-Tour als Vorbereitung auf einen neuen Lebensabschnitt. Viel Action, viel Outdoor, Erlebnispädagogik.
Die Mutter denkt zurück:
An den Gynäkologen, der dem Jungen wegen seines Herzfehlers das Leben und Leiden ersparen wollte.
An die Nachbarn, die prophezeiten, ein behindertes Kind würde die Ehe zerstören und sei doch auch furchtbar für den älteren Bruder.
An die Kindergartenleiterin, die den lange zugesagten Platz über Nacht kündigte, weil der Junge mit drei Jahren noch nicht alleine laufen konnte.
An den Grundschullehrer, der sich für überfordert erklärte, den Jungen in die Fußball-AG aufzunehmen.
Dann lässt sie das Handy sinken.
Wer es da hoch schafft, der schafft es auch noch viel weiter.  Da ist sie sich ganz sicher.
Und ist für ein paar Momente einfach nur glücklich und stolz.
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Montag, 17. Juli 2017

Die Anmeldung

Dieses Jahr wird DAS MÄDCHEN eingeschult.
Es freut sich schon sehr, auch auf den Anmeldetag an der Grundschule.
Die Schulleiterin erzählt von der Theater-AG, von den tollen Ausflügen…
Dann gilt es, einen Stapel Formulare auszufüllen.
Als die Eltern des Mädchens die Formulare bei der Schulleiterin abgeben, erzählen sie von der Diabeteserkrankung ihrer Tochter und wie gut sie damit schon alleine zurechtkommt. Dass sie selbst auf ihr Essen achtet und den Blutzucker misst. Nur beim Ablesen der Werte braucht sie noch Hilfe.
Die Schulleiterin sieht von Satz zu Satz entsetzter aus: „Ach, das arme Kind!“, sagt sie, „wie schrecklich und alles so schrecklich kompliziert!“
„Naja“, entgegnet der Vater, „so kompliziert ist es nicht. Bald kann sie alles alleine. Bis dahin können wir auch einen Pflegedienst beauftragen, der für die Insulingabe, die Essensberechnung und das Blutzuckermessen verantwortlich ist.“
„Aber gibt es nicht auch so etwas wie einen Zuckerschock?“ Die Schulleiterin ist kein bisschen beruhigt.
„Ja, den gibt es, kommt aber im Normalfall nicht vor“, schaltet sich die Mutter ein, „das erklären wir den Lehrern ganz genau. Dafür gibt es klare Notfallanweisungen. Damit ist der Kindergarten auch sehr gut zurechtgekommen.“
Die Schulleiterin schüttelt den Kopf und schiebt den Eltern den Formularstapel wieder zurück: „Nein“, sagt sie energisch, „so etwas will ich an meiner Schule nicht! Dafür gibt es Sonderschulen für Kinder mit Körperbehinderung. Melden Sie Ihre Tochter bitte dort an. Da ist die arme Kleine genau am richtigen Platz!“
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Montag, 10. Juli 2017

Die Kerzenleuchter

DER JUNGE ist Messdiener.
Bislang hat er immer nur die Kollekte einsammeln dürfen.
Jetzt ist es Zeit für neue Aufgaben.
Je ein Messdiener mit großen Kerzenleuchtern in der Hand steht immer rechts und links vom Pfarrer, wenn der das Evangelium vorliest.
Wird der Junge das hinbekommen?
Was passiert, wenn ihm der Leuchter zu schwer wird? Wenn doch einmal Wachs auf seine Hand tropft, was er gar nicht mag?
Die Leiter der Messdienergruppe haben eine Idee:
Einer der älteren Messdiener stellt sich einfach neben den Jungen, um ihm im Falle eines Falles den Kerzenleuchter abzunehmen.
Und damit das nicht irgendwie komisch aussieht, stehen heute auf der anderen Seite neben dem Pfarrer auch mal zwei Ministranten.
Alles klappt prima. Erst ganz am Ende des Evangeliums gibt der Junge seinen Leuchter dem Messdiener neben ihm.
Nach dem Gottesdienst ist er sehr stolz und zufrieden.
Ob wohl jemandem etwas aufgefallen ist, fragt sich die Mutter.
Vor der Kirche wird sie von einer älteren Dame angesprochen.
„Schön war’s heute“, sagt sie, „und so besonders feierlich!“
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Montag, 3. Juli 2017

Glück

Die Sonderpädagogin kommt einmal in der Woche.
Jeden Donnerstag, drei Schulstunden lang.
Dann muss DER JUNGE immer ganz ordentlich auf seinem Spezialstuhl sitzen.
Das hasst er, genauso wie er diesen Stuhl hasst.
Oft geht sie mit ihm raus, damit er feinmotorische Übungen macht.
Er würde lieber mit den anderen Kopfrechnen üben. Das kann er richtig gut.
Einmal sollte er sich vor die Klasse stellen und von seiner Behinderung erzählen.
Das wollte er aber nicht.
Heute ist wieder Donnerstag.
Die Sonderpädagogin kann heute nicht.
Sie muss zum pädagogischen Tag ihrer Schule.
Die anderen Kinder umringen ihn aufgeregt.
„Heute ist Dein Glückstag“, sagen sie.
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Montag, 26. Juni 2017

Schulpflicht

Jedes Jahr vor den Sommerferien verschickt die Schulleitung ein Rundschreiben.
Darin steht:
Eltern dürfen die Ferien nicht eigenmächtig verlängern.
Bei einem Verstoß ist die Schule gezwungen, ein Ordnungswidrigkeitsverfahren einzuleiten.
In Extremfällen kann die Verletzung der Schulpflicht sogar mit Freiheitsstrafe geahndet werden.
DER JUNGE darf jetzt schon seit sechs Wochen nicht mehr in die Schule gehen.
Der Integrationshelfer ist ausgefallen.
Die Eltern suchen verzweifelt nach einer Lösung.
"Nein", sagt der Schulleiter, "der eigene Vater als Krankheitsvertretung, das geht natürlich nicht."
"Nein“, sagt der Sonderpädagoge, "wir können da nicht aushelfen, die Sonderschule hat keine Ressourcen, und ohne Begleitung kann das Kind den Unterricht eben nicht besuchen."
"Nein", sagt der Vertreter des Anbieters für Schulbegleitungen, "wir suchen ja, aber eine Krankheitsvertretung steht leider nicht zur Verfügung."
"Nein“, sagt die Mitarbeiterin des Sozialamts, "wir können da nichts machen. Das ist Aufgabe des Anbieters. Wir zahlen nur."
" Nein“, sagt das Schulamt,  "das ist eine schwierige Situation, lauter Sachzwänge... Wir wollen uns da nicht zu sehr einmischen."
Das Rundschreiben haben die Eltern des Jungen in der Küche an die Pinnwand geheftet.
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Montag, 19. Juni 2017

Projekte

DAS MÄDCHEN ist in der ersten Klasse. Es hat andere Lernziele als die Grundschulkinder. Schulleiter, Klassenlehrerin, Eltern und Sonderpädagogin treffen sich zur Planungsrunde.
Der Start ist gelungen. Da sind sich alle einig. Die Klassenlehrerin wünscht sich mehr Unterstützung beim Anpassen des Lernstoffes für das Mädchen. „In Deutsch zum Beispiel…“ setzt sie an.
Die Sonderpädagogin unterbricht sie: „Da muss ich ein wenig die Erwartungen bremsen…“, sagt sie.
Und dann holt sie aus: Sie freut sich, als Fachfrau die Schule zu begleiten. Natürlich wäre es gut, wenn es mehr als nur 4 Stunden seien. Da müsse sie nun einmal Schwerpunkte setzen. Es gebe ja so viele tolle Projekte, die eine inklusive Beschulung unterstützen. Und dann zählt sie auf:
„Ich plane ein Anti-Mobbing-Projekt für die Klasse, damit das Mädchen niemals zum Mobbingopfer wird. Parallel dazu bereite ich ein Kunstprojekt vor, bei dem das Mädchen seine kreativen Potentiale entfalten kann. Und dann informiere ich mich gerade über ein Sportprojekt, bei dem die sozialen Fähigkeiten der Mitschüler gesteigert werden.“
Die Klassenlehrerin murmelt noch etwas von „Mathematik“, aber da hat die Sonderpädagogin schon energisch gesagt: „Mehr geht jetzt wirklich nicht!“
Bei der Verabschiedung drückt der Schulleiter den Eltern fest die Hand. „Kriegen wir schon irgendwie hin…“, sagt er leise und seufzt.

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Montag, 12. Juni 2017

Große Schwester

Die große Schwester DES JUNGEN geht bald in die weiterführende Schule.
Aber wo? Gemeinsam mit ihrer Mutter stellt sie sich bei einer Privatschule vor.
Der Direktor führt das Gespräch mit ihr.
Er ist sehr nett.
Die Mutter hört nur zu.
Nachdem es um Lieblingsfächer und Hobbys gegangen ist, fragt der Direktor, ob das Mädchen etwas von zu Hause erzählen möchte.
Sie erzählt von ihren Eltern und von ihrem Bruder.
„Der ist etwas anders…“, sagt sie.
„Der ist auch in meiner Schule, aber…“
Sie stockt.
„Der hat…“, fängt sie noch mal an und guckt hilfesuchend zu ihrer Mutter.
„Du weißt doch, wie das heißt“, sagt die Mutter.
„Na ja“, versucht das das Mädchen zu erklären, „der hat…
der hat Inklusion!“
Der Direktor lächelt.
„Das finde ich super!“, sagt er.

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Montag, 5. Juni 2017

Die Geburtstagsfeier

Die Mutter ist eingeladen.
Ein Bekannter aus dem Tennisclub wird 50.
Das ganze Haus ist voll. In jedem Zimmer sitzt ein schwatzendes Grüppchen.
Die Mutter kennt nur wenige Gäste. Ein bisschen unschlüssig steht sie da mit ihrem Glas in der Hand.
Im Stimmengewirr hört sie dies: „Und dann hab ich zu den Eltern gesagt: Sie können ganz beruhigt sein. Wenn das hier nichts wird an der Grundschule, kann Ihr Kind jederzeit wieder zu uns an die Sonderschule wechseln.“
Die Mutter horcht auf. Die Stimmen kommen aus dem Nebenzimmer.
„Immer wieder erzähle ich den Eltern im Förderplangespräch“, hört sie weiter, „was an der Sonderschule alles geboten wird. Aber die wollen das noch nicht einmal hören“, empört sich ein anderer. Das Ende des Satzes geht im Gegrummel  der anderen unter.
„Und jedes Mal, wenn ich im Auto sitze und zur Schule fahre“, sagt eine weibliche Stimme jetzt noch etwas lauter, „denke ich darüber nach, wie ich es bloß schaffe, die Eltern davon zu überzeugen, ihre Tochter doch an die Sonderschule zu geben.“
Es ist die Sonderpädagogin DES MÄDCHENS.
Jetzt hat der Gastgeber die Mutter entdeckt. „Na, dann will ich dich mal den Kollegen meiner Frau vorstellen“, sagt er fröhlich und zieht sie in den Raum. Vier Frauen und ein Mann sitzen am Couchtisch.
„Hallo“, sagt die Mutter.
„Hallo“, sagen die anderen, auch die Sonderpädagogin des Mädchens.
Danach springt sie auf und sagt aufgekratzt: „Na, dann will ich mir doch noch mal was von der leckeren Erdbeer-Bowle holen!“

Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 29. Mai 2017

Die Lehrerin

Der Lehrerin geht es heute gar nicht gut.
Schon morgens hatte sie Migräne und ihr war leicht schwindelig.
Trotzdem ist sie in die Schule gekommen.
Leider hat die Klasse keine Rücksicht auf ihren Zustand genommen.
Wieder einmal ging es drunter und drüber.
Irgendwann hatte sie keine Kraft mehr und musste mal kurz rausgehen.
Sie setzt sich auf die Fensterbank im Flur, hält sich den Kopf und atmet tief durch.
DER JUNGE ist mit seiner Klasse, der Parallelklasse, im Gebäude unterwegs.
Sie müssen in einen Fachraum wechseln.
Die Lehrerin kennt er nur vom Sehen.
Als er jetzt an ihr vorbei kommt, bleibt er stehen.
Er schaut ihr tief in die Augen, nickt einmal kurz und sagt dann feierlich:
„Du bist sehr schön!“
Dann geht er weiter.
Hinter seinen Klassenkameraden her in den Fachraum.

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Montag, 22. Mai 2017

Auf dem Klo

Sich den Po abzuwischen ist gar nicht so leicht für DAS MÄDCHEN.
Die Mutter übt es immer wieder mit ihm zu Hause. Mit Feuchttüchern geht das schließlich ganz gut.
Die Mutter gibt die Feuchttücher auch mit in die Schule.
Denn dort fehlt auf den Klos meist das Papier. Oder die Rolle liegt schmutzig auf dem Boden.
Die Schulbegleiterin hilft dem Mädchen.
Als es fertig ist, soll es das Feuchttuch ins Klo werfen.
Denn einen Mülleimer gibt es in der Kabine nicht.
„Nein“, ruft das Mädchen und erklärt, was es zu Hause gelernt hat:
Es soll das Tuch in eine kleine Tüte stecken. Und die Tüte dann im Vorraum in den Papierkorb werfen. Auch Tüten hat die Mutter mitgegeben.
„Ich werfe bei mir zu Hause Feuchttücher immer ins Klo“, sagt die Schulbegleiterin.
Doch das Mädchen schüttelt noch einmal den Kopf. „Das geht gar nicht“, sagt es bestimmt.
Die Schulbegleiterin gibt nach.
Anschließend ist sie den ganzen Vormittag eingeschnappt.
Auch das Mädchen ist sauer.
Die Mutter allerdings ist stolz auf das Mädchen, als sie die Geschichte hört.
Bis sie den nächsten Förderplan liest.
„Sauberkeitserziehung noch nicht abgeschlossen“, steht da.

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Montag, 15. Mai 2017

Das neue Konzept

„Wir haben ein ganz neues Konzept für Inklusion ab Klasse 5“, sagt der Schulleiter stolz.
Das Schuljahr beginnt mit einer Feierstunde.
DER JUNGE kommt ins Schulgebäude und sieht, wie der Schulleiter und die Sonderpädagogin die Kinder begrüßen.
Sie schicken die Kinder links in die Mensa.
Ein Mädchen schicken sie allerdings rechts in ein Klassenzimmer.
Das mit dem Sortieren kennt der Junge aus dem Sportunterricht: links die Jungs, rechts die Mädchen.
Also geht er hinter den Jungs in die Mensa.
Aber der Schulleiter und die Sonderpädagogin laufen ihm schnell nach, haken ihn ein und bugsieren ihn auch in das Klassenzimmer.
Dort soll er erst einmal „ankommen“.
Nach einer Weile darf er dann auch in die Mensa. Gemeinsam mit der Sonderpädagogin und vier anderen Kindern sitzt er auf reservierten Plätzen in der ersten Reihe.
Die anderen Schüler sitzen in langen Stuhlreihen auf der Bühne. Der Schulleiter steigt schwungvoll die Stufen hoch, wendet sich an die Schüler und sagt: „Willkommen an unserer Hauptschule! Ihr seid heute die Hauptpersonen!“
Dann kommt der Chor. Er stellt sich direkt vor den Stuhlreihen auf und singt den Kindern ein Begrüßungslied.
Der Schulleiter sitzt inzwischen wieder in der ersten Reihe neben der Sonderpädagogin, dem Jungen und den vier anderen Kindern und findet:
Das mit dem neuen Konzept hat heute schon ganz gut geklappt!
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Montag, 8. Mai 2017

Streit

Auf dem Weg zur Schule hat DER JUNGE Streit mit einem anderen Jungen.
Er sagt einige hässliche Schimpfwörter.
Der andere ist kleiner und weiß nicht, was er machen soll.
Eine ältere Dame mischt sich ein: „Lass den Kleinen mal in Ruhe“, sagt sie zum Jungen.
„Sie sind nicht meine Mutter! Sie haben mir gar nichts zu sagen“, antwortet der.
„Früher hätt’s das nicht gegeben“, murmelt die Frau und geht weg.
Der kleine Junge ruft mit dem Handy seinen Vater an.
Es dauert nicht lange, da fährt der Vater energisch mit dem Auto vor.
Die Polizei hat er auch schon benachrichtigt.
Die fährt mit Blaulicht vor.
Worum es bei dem Streit eigentlich ging, lässt sich nicht mehr wirklich rekonstruieren.
Der Junge sitzt eingeschüchtert auf der Bank und schweigt.
„Da müssen Sie aber jetzt auf jeden Fall die Anstalt anrufen, aus der der Junge ausgebrochen ist“, sagt der Vater zum Polizisten.
Der Polizist geht auf den Jungen zu.
„Sag mal, Dich kenn ich doch. Du bist doch auch immer beim Fußballtraining der Jugendmannschaft, oder?“, fragt er.
Der Junge nickt.
Ungefragt nennt er seine Adresse.
„Ok“, sagt der Polizist, „dann fahre ich Dich jetzt mal nach Hause!“

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Montag, 1. Mai 2017

Anstrengend

„Hast Du Dein Mäppchen eingepackt?“, fragt die Lehrerin DAS MÄDCHEN.
Das Mädchen nickt.
„Und wo sind die Zettel mit den Rechenaufgaben für zu Hause?“
Das Mädchen macht den Ranzen noch einmal auf, wühlt und findet die Zettel, die es schon eingepackt hatte.
„Vergiss ja Deine Jacke nicht“, ermahnt die Lehrerin. „Wo ist die eigentlich?“
Das Mädchen hatte sie schon längst in den Ranzen gestopft.
Jetzt läuft es schnell aus der Klasse und nach Hause.
„Und, wie war’s heute?“, fragt die Mutter.
Das Mädchen stöhnt: „Anstrengend!“
Die Mutter zuckt ein bisschen zusammen. Ist die allgemeine Schule vielleicht doch viel zu anstrengend für das Mädchen, wie so viele gewarnt hatten?
Dann fragt sie noch einmal nach:
„Was war denn heute so anstrengend?“
„Lehrerin“, sagt das Mädchen schnell. Dann verschwindet es in seinem Zimmer und macht sich eine CD mit Kinderliedern an.

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Montag, 24. April 2017

Hausschuhe

Der Träger der Behindertenhilfe feiert.
Am Ortsrand, zwischen Einkaufszentrum und Gewerbegebiet, ist eine neue Zweigstelle entstanden.
Es gibt dort eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung, ein Wohnheim und Appartements für betreutes Wohnen.
Die Eltern DES MÄDCHENS nutzen den Tag der Offenen Tür, um sich den Komplex genauer anzuschauen.
Die Werkstatträume sind modern und hell mit großen Fenstern.
Es gibt eine Cafeteria und einen Hof mit Blumenwiese und Gartenbänken hinter dem Haus.
„Super, nicht wahr?“ Die Mitarbeiterin, die die Eltern herumführt, ist begeistert: „Und schauen Sie sich das hier an: Der Ausgang des Wohngebäudes und der Eingang zur Werkstatt sind nur ein paar Meter auseinander. Wir müssen nur noch ein Glasdach über den Weg bauen, dann können die Bewohner in Hausschuhen zu ihrem Arbeitsplatz kommen. Ist das nicht wunderbar für Ihre Tochter, wenn sie erwachsen ist?“
Die Eltern sagen erst einmal nichts.
„Unsere Tochter wird sicherlich später viel Hilfe brauchen“, sagt die Mutter schließlich, „aber wir möchten, dass sie mehr von der Welt sehen darf als nur das, was man mit Hausschuhen erreichen kann.“
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Montag, 17. April 2017

Oma

DER JUNGE geht in den Kindergarten im Ort.
Alleine gehen kann er aber nicht. Er geht mit seinem Gehwagen.
„Walker“ sagen die Erwachsenen dazu.
Im Kindergarten hat er viele Freunde.
Auch im Kindergottesdienst ist er mitten drin.
Mit seinem Gehwagen kommt er überall in der Kirche hin.
Dabei trifft er einen Kindergartenfreund und dessen Oma.
Die alte Dame mustert ihn.
Dann dreht sie sich zu ihrem Enkel um und sagt:
„Ah, der Bub ist also behindert!“
Ihr Enkel schaut sie entrüstet an:
„Nein, Oma, der ist nicht behindert! Der kann nicht laufen.“
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