Montag, 30. Januar 2017

Die Spülmaschine

Lehrerkonferenz. Die Sonderpädagogin meldet sich zu Wort.
Sie bittet die Hauptschullehrer, ab sofort immer ihre schmutzigen Kaffeetassen und Becher im Lehrerzimmer neben der Geschirrspülmaschine stehen zu lassen. Künftig werde sie jeden Tag mit zwei der behinderten Schüler kommen und die Maschine einräumen. Diese Kinder müssten dringend in lebenspraktischen Dingen unterrichtet werden.
Heute ist auch DAS MÄDCHEN dabei. Es ist sehr langsam und mit den Händen nicht so geschickt. Immer wieder versucht es, die Becher so in die Maschine zu räumen, wie Sonderpädagogin es immer wieder erklärt: So, dass jeder Becher von zwei Gitterstangen gehalten wird, und alle Abstand voneinander haben.
Doch das klappt nicht wirklich. Das Mädchen wird immer verzweifelter. Die Sonderpädagogin erklärt es noch einmal.
Eine Lehrerin, die gerade Klassenarbeiten korrigiert, hört das Ganze mit an. Sie kann sich nicht mehr gut konzentrieren.
In der nächsten Pause trifft sie das Mädchen auf dem Gang. Sie nimmt es kurz zur Seite und sagt leise zu ihm:
 „Weißt Du was -  ich stell‘ das Geschirr zu Hause oft auch einfach kreuz und quer in die Spülmaschine…“
Das Mädchen lacht.
Es klingt ein bisschen verlegen. Und ein bisschen erleichtert.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 23. Januar 2017

Müde

Die Mutter DES JUNGEN wurde eingeladen.
Sie erzählt in einer Gruppe von angehenden Sonderpädagogen über Inklusion in der allgemeinen Schule
Einige haben Bedenken. Sie befürchten, dass die Kinder mit Behinderung dort überfordert sind.
Eine junge Frau meldet sich.
Sie unterrichtet gerade zum ersten Mal „draußen“, wie sie sagt.
„Ich habe da ein Mädchen“, berichtet sie,  „das ist manchmal in der 6. Stunde so müde, dass es einschläft. Ich bin dann immer ganz verzweifelt. Was soll ich dann bloß machen?“
„Och“, wirft ein anderer ein, „das habe ich in meiner Sonderschulklasse auch immer mal wieder!“
Die Mutter fragt: „Und was machen Sie dann?“
„Na, ich lass sie schlafen!“, sagt er.
Nach kurzer Diskussion finden alle:
Das ist eine gute Idee! Wer ab und zu so müde ist, dass ihm die Augen zufallen, der soll schlafen dürfen.
Egal in welcher Schule.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 16. Januar 2017

Der Elternabend

„Das wäre doch schön“, sagt ein Vater beim Elternabend, „wenn sich die Inklusionseltern einmal vorstellen.“
Stille.
Niemand meldet sich.
Nicht der Vater, der von Geburt an nur eine Niere hat.
Auch nicht die Mutter, die seit langem schon in psychiatrischer Behandlung ist.
Auch nicht der Vater, der inzwischen mit einem anderen Vater zusammenlebt.
Und auch nicht die Mutter des Kindes, das nach der Trennung der Eltern wieder jede Nacht ins Bett macht.
Und auch nicht die Eltern des Jungen, der schon mit drei Jahren fließend lesen konnte.
Und auch nicht die Mutter DES MÄDCHENS.
Schließlich einigt man sich.
Alle Eltern stellen sich einmal kurz vor.
Und jeder erzählt über sich und seine Familie, was er möchte.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 9. Januar 2017

Mitmachen

Musikunterricht in der Grundschule. Alle sitzen im Kreis. Auch DAS MÄDCHEN.
Dicht neben ihr sitzt die Schulbegleiterin.
Alle klatschen. Das Mädchen klatscht nicht mit.
Da nimmt die Schulbegleiterin ihre Hände und klatscht sie immer wieder zusammen.
Alle nehmen die Klanghölzer und schlagen sie im Takt.
Das Mädchen hat die Hölzer auf dem Schoß liegen.
Die Schulbegleiterin klappert mit ihren Hölzern direkt vor ihr und schaut sie dabei aufmunternd an.
Das Mädchen hält sich die Ohren zu.
Alle singen. Das Mädchen singt nicht mit.
Die Schulbegleiterin neben ihr singt besonders laut und deutlich.
Das Mädchen weint.
Nun kommt die Lehrerin auf sie zu.
„Lassen Sie nur“, stoppt die Schulbegleiterin sie, „das Kind braucht eine Auszeit.“
Sie nimmt das Mädchen an die Hand und geht mit ihr nach draußen.
In der nächsten Musikstunde ist die Schulbegleiterin krank.
Das Mädchen sitzt im Kreis.
Es klatscht nicht, es klopft nicht, es singt nicht.
Es hört einfach nur zu.
Die Lehrerin lächelt manchmal, wenn sie zu ihr hinschaut.
Ganz am Ende der Stunde geht das Mädchen zur Musikinstrumentenkiste und holt sich eine Triangel.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 2. Januar 2017

Die Streithühner

Den ganzen Morgen haben sie sich schon gestritten.
Schulfreundin 1 und Schulfreundin 2 DES JUNGEN.
Richtige Streithühner sind sie heute.
Sie lassen sich von niemandem von ihrem Streit abbringen.
Eines der Mädchen muss sogar weinen.
Der Junge beobachtet alles ganz genau.
Nun sind Schule und Hort zu ende. Die Mädchen sind immer noch verkracht.
Der Junge wird von seiner Mutter abgeholt.
Er läuft schon auf sie zu, als auch seine Freundinnen aus der Tür kommen:
Erst die eine, dann die andere.
Da kehrt der Junge noch einmal um.
Er geht zu seiner Freundin 1, nimmt sie an die Hand und bringt sie zu Freundin 2.
Lange, mit vielen Worten und mit Händen und Füßen, redet er auf beide ein.
Als die Mutter näher kommt, schickt er sie weg.
Die Mutter soll nicht zuhören.
Er nimmt die Hand der einen Freundin und führt sie zur Hand der anderen.
Beide Mädchen geben sich nun die Hand. Die Mutter hört sie lachen.
Da dreht sich der Junge um und läuft zu seiner Mutter.
„Jetzt nach Hause!“, sagt er sichtlich erleichtert.
Die Mutter nimmt ihn in den Arm, und beide fahren nach Hause.
Die Geschichte vorgelesen ...