Montag, 27. Februar 2017

Der Neubau

Tag der Offenen Tür.
Der neue Anbau des Gymnasiums wird eingeweiht.
Auch die Mutter ist gekommen. Denn auch sie braucht in zwei Jahren eine weiterführende Schule für DAS MÄDCHEN im Rollstuhl.
Die Schulleiterin führt durch den Neubau: Rollstuhl-Toilette, Aufzüge in allen Ebenen, barrierefreie Zugänge überall.
Die Mutter ist sehr beeindruckt.
Einer der Besucher fragt: „Wie viele Schüler im Rollstuhl haben Sie denn hier?“
„Zurzeit keine“, antwortet die Direktorin. „Aber wir hatten schon zwei: Bei dem einen hat das auch sehr gut geklappt. Bei dem anderen haben wir uns mit den Eltern darauf geeinigt, dass er doch besser woanders beschult wird.“
Das interessiert die Mutter sehr.
Sie fragt nach: „Damals war ja noch nicht alles barrierefrei hier. War das das Problem?“
„Nein“, sagt die Direktorin: „Die Einstellung hat einfach nicht gestimmt. Wenn wir hier schon so einen Umstand betreiben, dann erwarten wir schon, dass sich der Schüler auch gut benimmt. Und dankbar ist.“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 20. Februar 2017

Neu

Die Mutter schaut sich eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung an.
Dann sitzt sie beim Leiter im Büro.
Bisher ist DAS MÄDCHEN inklusive Wege gegangen. Aber jetzt?
„Inklusion ist doch bei uns auch längst angekommen“, beruhigt sie der Leiter.
Das findet die Mutter spannend und fragt nach.
„Bisher“, sagt der Leiter, „war bei uns auch vieles getrennt. Aber jetzt haben wir etwas ganz Neues: Unsere Kantine.“
Und er erklärt. In der neuen Kantine essen die Menschen mit Behinderung nicht mehr allein.
Sie essen jetzt gemeinsam mit ihren Anleitern und den pädagogischen Kräften der Werkstatt.
Die hatten vorher eine eigene Kantine.
Der Leiter reicht der Mutter den Essensplan.
Heute gibt es Jägerschnitzel.
Ganz oben auf dem Blatt steht in großen Buchstaben:
„Inklusive Kantine“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 13. Februar 2017

Nass oder trocken

Wie soll die Tafel gewischt werden?
Das ist Thema der Konferenz aller Lehrer der Klasse.
„Ich hasse dieses Gematsche und Gekleckere“, sagt der Mathelehrer.
Nur wenn die Tafel ordentlich nass gewischt wurde, kann DAS MÄDCHEN gut davon ablesen.
„Ich finde einen trockenen Schwamm auch völlig ausreichend“, sagt die Lateinlehrerin, „wie der nasse immer stinkt. Ekelhaft.“
Auf einer trocken abgewischten Tafel bleibt eine weiße dünne Kreideschicht übrig.
Auf ihr verschwimmen die Kontraste.
„Aber das Mädchen kann dann nicht mehr alles erkennen“, gibt die Klassenlehrerin zu bedenken.
„Wir könnten eine elektronische Tafel beantragen“, schlägt der Physiklehrer vor, „die kann man mit einem kabellosen Stift beschreiben.“
„So ein neumodischer Kram kommt mir nicht ins Haus“, ruft die Direktorin.
„Man könnte immer zweimal trocken wischen, vielleicht reicht das“, schlägt die Englisch-Lehrerin vor.
Ja, vielleicht.
„DAS MÄDCHEN kann ja auch das, was es nicht erkennt, von seiner Nachbarin abschreiben“, wirft der Gemeinschaftskundelehrer ein.
Die Diskussion dauert noch eine ganze Weile.
Die Abstimmung dann ergibt: 5:4.
Die Tafel wird in Zukunft nur trocken gewischt. Möglichst zweimal.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 6. Februar 2017

Kopien

Alle sollen den Text lesen.
DER JUNGE bekommt ihn nicht in A 4, sondern auf A 3 größer kopiert, damit er ihn leichter lesen kann.
Aber er will ein kleines Blatt, wie alle anderen auch.
„Brauch ich nicht“, sagt er energisch und schiebt das Blatt weg.
Schnell ist eine Mitschülerin bei ihm.
„Du, kann ich das Blatt haben?“, fragt sie.
„Brauchst Du den Text auch größer?“, schaltet sich die Lehrerin ein.
„Nein“, sagt das Mädchen, „aber meine Mama! Die sagt immer zu mir:
„All die Kopien mit dieser Mini-Schrift. Bei denen kann ich Dir nicht helfen. Das schaffen meine Augen einfach nicht mehr. Ich bin doch schon über 40!“
Die Geschichte vorgelesen ...