Montag, 27. März 2017

Der Ausstieg

Es war ein langer Tag. DER JUNGE im Rollstuhl ist mit seiner Mutter und der kleinen Schwester im Zug auf dem Weg nach Hause.
Da ertönt eine Ansage: „Im nächsten Bahnhof ist die Personenbeförderungsanlage defekt. Der Ausstieg für Fahrgäste im Rollstuhl ist deshalb leider nicht möglich…“
„Da kann man nichts machen“, erklärt der Schaffner der Mutter noch einmal persönlich: „Wir haben den Mobilitätsservice schon benachrichtigt und die Mitarbeiter von der Ausstiegshilfe zum nächsten Bahnhof umbestellt. Von dort aus haben Sie dann 45 Minuten später Anschluss mit einem Niederflurbus in Ihren Ort.“
„Aber das dauert Stunden. Und die Kinder sind schon todmüde! Kann uns nicht jemand beim Aussteigen helfen? Mein Sohn wiegt keine 40 Kilo, und der Rollstuhl ist auch nicht schwer“, bittet die Mutter.
„Nein, das geht nicht“, sagt der Schaffner. Der Zug rollt langsamer. Gleich wird er den Heimatort des Jungen erreichen.
Zwei junge Männer schalten sich ein: „Wir können Ihnen helfen, wir steigen hier sowieso aus.“ Die Mutter seufzt erleichtert.
„Nein, das geht nicht“, wiederholt der Schaffner etwas lauter, „wenn der Mobilitätsservice nicht da ist, darf der Rollstuhl nicht aussteigen!“ Dann läuft er wütend ins Schaffnerabteil.
Als der Zug hält, heben die beiden Männer nach Anweisung der Mutter den Jungen und seinen Rollstuhl aus dem Zug.
Über den Bahnsteig scheppert dazu die laute Stimme des Schaffners aus einem Lautsprecher: „Das Aussteigen des Rollstuhls ist hier verboten! Das Aussteigen des Rollstuhls ist hier verboten. Das Aussteigen…“
Die kleine Schwester fängt an zu weinen. Schluchzend sagt sie zur Mutter und den Männern: „Aber das ist kein Rollstuhl, der hier aussteigt. Das ist mein Bruder!“

Die Geschichte vorgelesen ...

9 Kommentare:

  1. .. welch ein Albtraum! Dass man bei der Bahn in Sachen BarriereFreiheit nicht wirklich gut beraten ist, wußte ich. Aber was hier geschildert wird, ist ja ein Skandal! Lieben Gruß an die betroffene Familie aus Köln Elisabeth Linge

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  2. Da fällt einem wirklich gar nichts mehr zu ein. :-(

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  3. Zum Glück schert sich die Familie wenig darum, dass hier eine Uniform anfängt, mit einem Rollstuhl zu reden.....

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  4. Ich wünsche uns allen viele solche prakmatischen jungen Männer. Augenmaß für das machbare und dann nicht nach Hemmnissen suchen sondern für Wege es möglich zu machen.

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  5. Nachvollziehen kann ich das nicht...ich wurde bei unserer letzten gebuchten DB Fahrt sogar am Schalter gefragt, ob wir denn zwingend eine Hebebühne benötigen oder ob ein Helfer zum rausheben des Rollstuhlts reicht....?

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  6. ...nicht der Mensch sondern nur seine Behinderung werden wahrgenommen!
    Alltägliches Problem von Menschen mit Behinderung, aber selten so herzzerreißend wie hier von dem kleinen Mädchen formuliert!

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  7. Beeindruckend, wie selbstverständlich Inklusion sein kann, wenn man sie von Anfang an erlebt hat!

    Sehr gute Zeichnung!

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