Montag, 24. April 2017

Hausschuhe

Der Träger der Behindertenhilfe feiert.
Am Ortsrand, zwischen Einkaufszentrum und Gewerbegebiet, ist eine neue Zweigstelle entstanden.
Es gibt dort eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung, ein Wohnheim und Appartements für betreutes Wohnen.
Die Eltern DES MÄDCHENS nutzen den Tag der Offenen Tür, um sich den Komplex genauer anzuschauen.
Die Werkstatträume sind modern und hell mit großen Fenstern.
Es gibt eine Cafeteria und einen Hof mit Blumenwiese und Gartenbänken hinter dem Haus.
„Super, nicht wahr?“ Die Mitarbeiterin, die die Eltern herumführt, ist begeistert: „Und schauen Sie sich das hier an: Der Ausgang des Wohngebäudes und der Eingang zur Werkstatt sind nur ein paar Meter auseinander. Wir müssen nur noch ein Glasdach über den Weg bauen, dann können die Bewohner in Hausschuhen zu ihrem Arbeitsplatz kommen. Ist das nicht wunderbar für Ihre Tochter, wenn sie erwachsen ist?“
Die Eltern sagen erst einmal nichts.
„Unsere Tochter wird sicherlich später viel Hilfe brauchen“, sagt die Mutter schließlich, „aber wir möchten, dass sie mehr von der Welt sehen darf als nur das, was man mit Hausschuhen erreichen kann.“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 17. April 2017

Oma

DER JUNGE geht in den Kindergarten im Ort.
Alleine gehen kann er aber nicht. Er geht mit seinem Gehwagen.
„Walker“ sagen die Erwachsenen dazu.
Im Kindergarten hat er viele Freunde.
Auch im Kindergottesdienst ist er mitten drin.
Mit seinem Gehwagen kommt er überall in der Kirche hin.
Dabei trifft er einen Kindergartenfreund und dessen Oma.
Die alte Dame mustert ihn.
Dann dreht sie sich zu ihrem Enkel um und sagt:
„Ah, der Bub ist also behindert!“
Ihr Enkel schaut sie entrüstet an:
„Nein, Oma, der ist nicht behindert! Der kann nicht laufen.“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 10. April 2017

Alle

Die Mutter holt DEN JUNGEN von der Schule ab.
Als erstes stürmt einer der Mitschüler aus der Klasse und ruft laut:
„Die Inklusionskinder nerven total!“
Die Mutter spricht ihn an:
„Und die anderen Kinder, nerven die nicht?“
„Doch, auch…“, räumt der Junge ein.
„Wer denn?“, möchte die Mutter wissen.
„Paul ist oft gemein, Hannah quatscht die ganze Zeit und Eric war heute voll fies…“, zählt der Junge auf.
„Und warum sagt du dann, die Inklusionskinder nerven total“, fragt die Mutter.
Der Junge zuckt mit den Achseln:
„Für die anderen zusammen weiß ich kein Wort!
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 3. April 2017

Über die Straße

DER JUNGE fährt mit dem Linienbus zur Schule.
Den Weg dorthin übt er seit einiger Zeit zusammen mit seiner Mutter.
Einmal muss er über die Straße gehen.
Das ist wegen der vielen Autos nicht ganz ungefährlich.
Die Mutter hat lange überlegt, wo es wohl am besten ist:
Vor der Kurve, direkt hinter der Kurve, noch ein Stück weiter, wo man alles besser einsehen kann…
Heute beschließt der Junge spontan: Er geht ab jetzt alleine zum Bus!
„Ich schon groß!“, sagt er entschlossen, schnappt sich seine Schulsachen und geht aus der Tür.
Die Mutter springt hinterher. Sie will schon rufen, doch da sieht sie, was der Junge macht:
Vorsichtig nach links und rechts guckend geht er direkt vor dem Haus auf die andere Straßenseite.
Von da aus ist der Weg zum Bus zwar ein bisschen länger,  aber eine Straße muss er jetzt nicht mehr überqueren.
Die Mutter macht die Tür hinter sich zu, schenkt einen Kaffee ein und fragt sich:
Und warum bin ich nicht darauf gekommen?
Die Geschichte vorgelesen ...