Montag, 15. Mai 2017

Das neue Konzept

„Wir haben ein ganz neues Konzept für Inklusion ab Klasse 5“, sagt der Schulleiter stolz.
Das Schuljahr beginnt mit einer Feierstunde.
DER JUNGE kommt ins Schulgebäude und sieht, wie der Schulleiter und die Sonderpädagogin die Kinder begrüßen.
Sie schicken die Kinder links in die Mensa.
Ein Mädchen schicken sie allerdings rechts in ein Klassenzimmer.
Das mit dem Sortieren kennt der Junge aus dem Sportunterricht: links die Jungs, rechts die Mädchen.
Also geht er hinter den Jungs in die Mensa.
Aber der Schulleiter und die Sonderpädagogin laufen ihm schnell nach, haken ihn ein und bugsieren ihn auch in das Klassenzimmer.
Dort soll er erst einmal „ankommen“.
Nach einer Weile darf er dann auch in die Mensa. Gemeinsam mit der Sonderpädagogin und vier anderen Kindern sitzt er auf reservierten Plätzen in der ersten Reihe.
Die anderen Schüler sitzen in langen Stuhlreihen auf der Bühne. Der Schulleiter steigt schwungvoll die Stufen hoch, wendet sich an die Schüler und sagt: „Willkommen an unserer Hauptschule! Ihr seid heute die Hauptpersonen!“
Dann kommt der Chor. Er stellt sich direkt vor den Stuhlreihen auf und singt den Kindern ein Begrüßungslied.
Der Schulleiter sitzt inzwischen wieder in der ersten Reihe neben der Sonderpädagogin, dem Jungen und den vier anderen Kindern und findet:
Das mit dem neuen Konzept hat heute schon ganz gut geklappt!
Die Geschichte vorgelesen ...

9 Kommentare:

  1. Menschen bei ihrer Ankunft zu sortieren und nach links bzw. rechts zu schicken, hat in Deutschland eine so extrem belastete Geschichte, dass niemand mehr auf die Idee kommen sollte, so etwas auch nur in Erwägung zu ziehen.

    Das dann auch noch "neues Konzept" zu nennen, ist eine Kehrtwende der verhängnisvollsten Art.

    AntwortenLöschen
  2. Jedem behinderten Menschen zu unterstellen, er müsse erst noch ankommen und in einem ruhigen Raum sein, zeigt doch schon, dass das Konzept Inklusion noch nicht im Herzen angekommen ist. Das brauchen doch nicht alle, und von denen sollte man das wissen, weil man sich für das Individuum interessiert. In diesem Fall die Sonderpädagogen für ihre Schüler.

    AntwortenLöschen
  3. Was für eine furchtbare Geschichte.... Schade, dass die Eltern nicht eingegriffen haben, aber so ganz am Anfang der Schulzeit ihres Kindes waren sie womöglich zu perplex oder zu gut erzogen. Im Gegensatz zum Schulleiter!

    AntwortenLöschen
  4. Für meine autistischen Söhne wäre das genau das Richtige gewesen. Toll wäre es halt, wenn man die Kommunikation im Vorfeld nicht vergessen würde.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. ....tatsächlich?
      Ich zitiere nochmal: "...Schulleiter und die Sonderpädagogischen laufen ihm schnell nach und bugsieren ihn..."
      Ich kenne ja Ihre Kinder nicht, aber das kann ich mir jetzt so gar nicht vorstellen. Von anderen herumgeschubst und nicht willkommen geheißen zu werden, das mag doch kein Mensch!

      Löschen
    2. Über diesen Blog:
      "In den Geschichten geht es - das sei gleich schon mal klargestellt - nur sehr selten um ihre eigenen Kinder. Bei DER JUNGE und DAS MÄDCHEN handelt sich sich nicht um dieselben, sondern um verschiedene Kinder."

      Löschen
    3. Fan des Illustrators16.05.2017, 08:42:00

      Wenn man sich die brilliante Zeichnung ansieht, weiß man gleich, dass DER JUNGE enttäuscht ist: Recht bedeppert schaut er drein...in seinem Séparée!

      Aber das würde ich auch, wenn ich realisieren würde, dass bei der Begrüßungsfeier das Wichtigste fehlt, nämlich meine neuen Mitschüler. Wo sind denn die? Müssen die nicht auch begrüßt werden?

      Löschen
    4. @6:01:00 Das Bugsieren natürlich nicht, aber erst mal ein ruhiger Raum zum Ankommen und dann ein Platz als Zuschauer am Rand, nicht mittendrin, wäre toll gewesen. Beim zweiten Kind kannt ich immerhin das Ritual schon und die Lehrkräfte mich, da guckte die Klassenlehrerin nur kurz auf die aufgeregten Flatterhände und meinte dann, so eine Einschulungsfeier könne man von Mamas oder Papas Arm aus miterleben. Und im Anschluss seien Eltern im Klassenraum auch gar kein Problem.

      Löschen
  5. Für mein größeres Kind, der "offiziell" keine Behinderung hat, wäre es genau richtig gewesen, Zeit und Raum zu haben, um in so ein trödeln anzukommen, wobei er überhaupt nicht verstanden hätte, warum er plötzlich von den anderen getrennt wird. Für mein kleineres, mit "offizieller" Behinderung, wäre es nichts gewesen mit dem Ankommen zuerst. Mitten im Geschehen ist er am Glücklichsten, zu viel wird es ihm selten. Die Trennung hätte er auch nicht verstanden. Jedes Kind, jeder Mensch ist anders. Viele Faktoren entscheiden, was jeder zu einem konkreten Moment braucht... Veranlagung, Charakter, Tagesform... Von vorne rein Menschen in Schubladen zu stecken und für sie so pauschal zu entscheiden, was sie in jedem Moment brauchen ist eine Bevormundung und respektlos. Eine individuelle Betrachtung ist unentbehrlich. Www.tue21.de

    AntwortenLöschen

Danke für Ihre Anmerkung. Wir behalten uns vor, diese hier zu veröffentlichen.