Montag, 26. Juni 2017

Schulpflicht

Jedes Jahr vor den Sommerferien verschickt die Schulleitung ein Rundschreiben.
Darin steht:
Eltern dürfen die Ferien nicht eigenmächtig verlängern.
Bei einem Verstoß ist die Schule gezwungen, ein Ordnungswidrigkeitsverfahren einzuleiten.
In Extremfällen kann die Verletzung der Schulpflicht sogar mit Freiheitsstrafe geahndet werden.
DER JUNGE darf jetzt schon seit sechs Wochen nicht mehr in die Schule gehen.
Der Integrationshelfer ist ausgefallen.
Die Eltern suchen verzweifelt nach einer Lösung.
"Nein", sagt der Schulleiter, "der eigene Vater als Krankheitsvertretung, das geht natürlich nicht."
"Nein“, sagt der Sonderpädagoge, "wir können da nicht aushelfen, die Sonderschule hat keine Ressourcen, und ohne Begleitung kann das Kind den Unterricht eben nicht besuchen."
"Nein", sagt der Vertreter des Anbieters für Schulbegleitungen, "wir suchen ja, aber eine Krankheitsvertretung steht leider nicht zur Verfügung."
"Nein“, sagt die Mitarbeiterin des Sozialamts, "wir können da nichts machen. Das ist Aufgabe des Anbieters. Wir zahlen nur."
" Nein“, sagt das Schulamt,  "das ist eine schwierige Situation, lauter Sachzwänge... Wir wollen uns da nicht zu sehr einmischen."
Das Rundschreiben haben die Eltern des Jungen in der Küche an die Pinnwand geheftet.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 19. Juni 2017

Projekte

DAS MÄDCHEN ist in der ersten Klasse. Es hat andere Lernziele als die Grundschulkinder. Schulleiter, Klassenlehrerin, Eltern und Sonderpädagogin treffen sich zur Planungsrunde.
Der Start ist gelungen. Da sind sich alle einig. Die Klassenlehrerin wünscht sich mehr Unterstützung beim Anpassen des Lernstoffes für das Mädchen. „In Deutsch zum Beispiel…“ setzt sie an.
Die Sonderpädagogin unterbricht sie: „Da muss ich ein wenig die Erwartungen bremsen…“, sagt sie.
Und dann holt sie aus: Sie freut sich, als Fachfrau die Schule zu begleiten. Natürlich wäre es gut, wenn es mehr als nur 4 Stunden seien. Da müsse sie nun einmal Schwerpunkte setzen. Es gebe ja so viele tolle Projekte, die eine inklusive Beschulung unterstützen. Und dann zählt sie auf:
„Ich plane ein Anti-Mobbing-Projekt für die Klasse, damit das Mädchen niemals zum Mobbingopfer wird. Parallel dazu bereite ich ein Kunstprojekt vor, bei dem das Mädchen seine kreativen Potentiale entfalten kann. Und dann informiere ich mich gerade über ein Sportprojekt, bei dem die sozialen Fähigkeiten der Mitschüler gesteigert werden.“
Die Klassenlehrerin murmelt noch etwas von „Mathematik“, aber da hat die Sonderpädagogin schon energisch gesagt: „Mehr geht jetzt wirklich nicht!“
Bei der Verabschiedung drückt der Schulleiter den Eltern fest die Hand. „Kriegen wir schon irgendwie hin…“, sagt er leise und seufzt.

Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 12. Juni 2017

Große Schwester

Die große Schwester DES JUNGEN geht bald in die weiterführende Schule.
Aber wo? Gemeinsam mit ihrer Mutter stellt sie sich bei einer Privatschule vor.
Der Direktor führt das Gespräch mit ihr.
Er ist sehr nett.
Die Mutter hört nur zu.
Nachdem es um Lieblingsfächer und Hobbys gegangen ist, fragt der Direktor, ob das Mädchen etwas von zu Hause erzählen möchte.
Sie erzählt von ihren Eltern und von ihrem Bruder.
„Der ist etwas anders…“, sagt sie.
„Der ist auch in meiner Schule, aber…“
Sie stockt.
„Der hat…“, fängt sie noch mal an und guckt hilfesuchend zu ihrer Mutter.
„Du weißt doch, wie das heißt“, sagt die Mutter.
„Na ja“, versucht das das Mädchen zu erklären, „der hat…
der hat Inklusion!“
Der Direktor lächelt.
„Das finde ich super!“, sagt er.

Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 5. Juni 2017

Die Geburtstagsfeier

Die Mutter ist eingeladen.
Ein Bekannter aus dem Tennisclub wird 50.
Das ganze Haus ist voll. In jedem Zimmer sitzt ein schwatzendes Grüppchen.
Die Mutter kennt nur wenige Gäste. Ein bisschen unschlüssig steht sie da mit ihrem Glas in der Hand.
Im Stimmengewirr hört sie dies: „Und dann hab ich zu den Eltern gesagt: Sie können ganz beruhigt sein. Wenn das hier nichts wird an der Grundschule, kann Ihr Kind jederzeit wieder zu uns an die Sonderschule wechseln.“
Die Mutter horcht auf. Die Stimmen kommen aus dem Nebenzimmer.
„Immer wieder erzähle ich den Eltern im Förderplangespräch“, hört sie weiter, „was an der Sonderschule alles geboten wird. Aber die wollen das noch nicht einmal hören“, empört sich ein anderer. Das Ende des Satzes geht im Gegrummel  der anderen unter.
„Und jedes Mal, wenn ich im Auto sitze und zur Schule fahre“, sagt eine weibliche Stimme jetzt noch etwas lauter, „denke ich darüber nach, wie ich es bloß schaffe, die Eltern davon zu überzeugen, ihre Tochter doch an die Sonderschule zu geben.“
Es ist die Sonderpädagogin DES MÄDCHENS.
Jetzt hat der Gastgeber die Mutter entdeckt. „Na, dann will ich dich mal den Kollegen meiner Frau vorstellen“, sagt er fröhlich und zieht sie in den Raum. Vier Frauen und ein Mann sitzen am Couchtisch.
„Hallo“, sagt die Mutter.
„Hallo“, sagen die anderen, auch die Sonderpädagogin des Mädchens.
Danach springt sie auf und sagt aufgekratzt: „Na, dann will ich mir doch noch mal was von der leckeren Erdbeer-Bowle holen!“

Die Geschichte vorgelesen ...