Montag, 31. Juli 2017

Bedingungen

Der Vater DES JUNGEN sitzt verzweifelt im Büro des Kindergarten-Trägers.
„Warum wird mein Sohn nicht aufgenommen?“, fragt er. „Er braucht doch nur einen Rollstuhl. Und hier gibt es noch nicht einmal Treppen. Sie schreiben im Internet: Wir sind eine inklusive Einrichtung. Jedes Kind ist willkommen. Und jetzt lese ich hier: „Fehlende Rahmenbedingungen!“
Er zieht das Schreiben des Trägers aus der Tasche.
Der Verwaltungsleiter nickt verständnisvoll.
„Ich hatte eben schon versucht, es Ihnen zu erklären: Die Stadt verlangt, dass wir auch behinderte Kinder nehmen. Dann wird die Gruppe zwar verkleinert. Aber natürlich wollen wir so viel Hilfe, wie wir bekommen können. Darum: Gehen Sie noch einmal zum Sozialamt. Sie dürfen da gerne ein bisschen übertreiben. Jammern Sie ruhig, wie wenig Ihr Sohn kann! Sagen Sie, 3 x 2 Stunden, wie jetzt schon bewilligt, sind zu wenig. Sie brauchen jemanden, der ihren Sohn durchgehend unterstützt.“
Dann steht der Verwaltungsleiter auf und schüttelt dem Vater zum Abschied die Hand:
„Und wenn Sie die Bewilligung der 1:1-Betreuung haben, dann kommen Sie wieder. Dann nehmen wir Ihren Sohn sehr gerne!“

Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 24. Juli 2017

Prognosen

Die Mutter bekommt ein kleines Video per whatsapp geschickt.
Direkt von der Abschlussfahrt DES JUNGEN.
Zu sehen ist eine hohe Brücke über einem rauschenden Fluss.
Unter der Brücke hängen in gut zwanzig Meter Höhe an Seilen viele bunte Punkte, die sich bewegen.
Es sind, gut gesichert und mit Helm, die Kinder der Klasse. Ganz rechts der lila Punkt ist der Junge.
Adventure-Tour als Vorbereitung auf einen neuen Lebensabschnitt. Viel Action, viel Outdoor, Erlebnispädagogik.
Die Mutter denkt zurück:
An den Gynäkologen, der dem Jungen wegen seines Herzfehlers das Leben und Leiden ersparen wollte.
An die Nachbarn, die prophezeiten, ein behindertes Kind würde die Ehe zerstören und sei doch auch furchtbar für den älteren Bruder.
An die Kindergartenleiterin, die den lange zugesagten Platz über Nacht kündigte, weil der Junge mit drei Jahren noch nicht alleine laufen konnte.
An den Grundschullehrer, der sich für überfordert erklärte, den Jungen in die Fußball-AG aufzunehmen.
Dann lässt sie das Handy sinken.
Wer es da hoch schafft, der schafft es auch noch viel weiter.  Da ist sie sich ganz sicher.
Und ist für ein paar Momente einfach nur glücklich und stolz.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 17. Juli 2017

Die Anmeldung

Dieses Jahr wird DAS MÄDCHEN eingeschult.
Es freut sich schon sehr, auch auf den Anmeldetag an der Grundschule.
Die Schulleiterin erzählt von der Theater-AG, von den tollen Ausflügen…
Dann gilt es, einen Stapel Formulare auszufüllen.
Als die Eltern des Mädchens die Formulare bei der Schulleiterin abgeben, erzählen sie von der Diabeteserkrankung ihrer Tochter und wie gut sie damit schon alleine zurechtkommt. Dass sie selbst auf ihr Essen achtet und den Blutzucker misst. Nur beim Ablesen der Werte braucht sie noch Hilfe.
Die Schulleiterin sieht von Satz zu Satz entsetzter aus: „Ach, das arme Kind!“, sagt sie, „wie schrecklich und alles so schrecklich kompliziert!“
„Naja“, entgegnet der Vater, „so kompliziert ist es nicht. Bald kann sie alles alleine. Bis dahin können wir auch einen Pflegedienst beauftragen, der für die Insulingabe, die Essensberechnung und das Blutzuckermessen verantwortlich ist.“
„Aber gibt es nicht auch so etwas wie einen Zuckerschock?“ Die Schulleiterin ist kein bisschen beruhigt.
„Ja, den gibt es, kommt aber im Normalfall nicht vor“, schaltet sich die Mutter ein, „das erklären wir den Lehrern ganz genau. Dafür gibt es klare Notfallanweisungen. Damit ist der Kindergarten auch sehr gut zurechtgekommen.“
Die Schulleiterin schüttelt den Kopf und schiebt den Eltern den Formularstapel wieder zurück: „Nein“, sagt sie energisch, „so etwas will ich an meiner Schule nicht! Dafür gibt es Sonderschulen für Kinder mit Körperbehinderung. Melden Sie Ihre Tochter bitte dort an. Da ist die arme Kleine genau am richtigen Platz!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 10. Juli 2017

Die Kerzenleuchter

DER JUNGE ist Messdiener.
Bislang hat er immer nur die Kollekte einsammeln dürfen.
Jetzt ist es Zeit für neue Aufgaben.
Je ein Messdiener mit großen Kerzenleuchtern in der Hand steht immer rechts und links vom Pfarrer, wenn der das Evangelium vorliest.
Wird der Junge das hinbekommen?
Was passiert, wenn ihm der Leuchter zu schwer wird? Wenn doch einmal Wachs auf seine Hand tropft, was er gar nicht mag?
Die Leiter der Messdienergruppe haben eine Idee:
Einer der älteren Messdiener stellt sich einfach neben den Jungen, um ihm im Falle eines Falles den Kerzenleuchter abzunehmen.
Und damit das nicht irgendwie komisch aussieht, stehen heute auf der anderen Seite neben dem Pfarrer auch mal zwei Ministranten.
Alles klappt prima. Erst ganz am Ende des Evangeliums gibt der Junge seinen Leuchter dem Messdiener neben ihm.
Nach dem Gottesdienst ist er sehr stolz und zufrieden.
Ob wohl jemandem etwas aufgefallen ist, fragt sich die Mutter.
Vor der Kirche wird sie von einer älteren Dame angesprochen.
„Schön war’s heute“, sagt sie, „und so besonders feierlich!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 3. Juli 2017

Glück

Die Sonderpädagogin kommt einmal in der Woche.
Jeden Donnerstag, drei Schulstunden lang.
Dann muss DER JUNGE immer ganz ordentlich auf seinem Spezialstuhl sitzen.
Das hasst er, genauso wie er diesen Stuhl hasst.
Oft geht sie mit ihm raus, damit er feinmotorische Übungen macht.
Er würde lieber mit den anderen Kopfrechnen üben. Das kann er richtig gut.
Einmal sollte er sich vor die Klasse stellen und von seiner Behinderung erzählen.
Das wollte er aber nicht.
Heute ist wieder Donnerstag.
Die Sonderpädagogin kann heute nicht.
Sie muss zum pädagogischen Tag ihrer Schule.
Die anderen Kinder umringen ihn aufgeregt.
„Heute ist Dein Glückstag“, sagen sie.
Die Geschichte vorgelesen ...