Montag, 30. Oktober 2017

Die Wohngemeinschaft

DAS MÄDCHEN ist schon fast erwachsen. Deshalb wollte es gerne ausziehen. Da passte es gut, dass der örtliche Träger der Behindertenhilfe gerade Mieter für eine WG im ambulanten Wohnen suchte.
Die Eltern hatten ausführlich mit dem Leiter über die Unterstützung gesprochen, die das chronisch kranke Mädchen braucht:  Viel Hilfe im Alltag und vor allem alle zwei Stunden seine Medikamente. „Das lässt sich alles einrichten“, hatte dieser gesagt: „Mit der Zeit werden alle unsere Mieter selbständiger. Die Fachkräfte trainieren mit ihnen Mobilität und Haushaltsführung.“
Inzwischen wohnt das Mädchen schon seit drei Monaten in der WG. Die Fachkräfte beschäftigen sich vor allem mit der Dokumentation. Die Medikamente geben sie dem Mädchen nicht. Dafür müssen die Eltern einen Pflegedienst beauftragen, der mehrmals am Tag nur hierfür kommt. Auch Trainings gibt es nicht. Die Bewohner sollen alleine putzen und am Wochenende kochen. Doch das können sie nicht. Deshalb gab es schon wochenlang am Wochenende nichts mehr Warmes zu essen. Als die Eltern sich beschweren, heißt es: Mehr geht eben nicht. Also putzen die Eltern jetzt selbst und organisieren eine Hilfskraft fürs Kochen am Wochenende. Schließlich resignieren sie. Sie kündigen den WG-Platz.
Nun müssen sie eine neue Wohnmöglichkeit für das Mädchen suchen. Heute frühstücken sie erst einmal gemeinsam mit ihrer Tochter zu Hause. Als die Mutter die Lokalzeitung aufschlägt, liest sie ein Interview mit dem Leiter der Behindertenhilfe. Dort stellt er sein neues Konzept vor und erwähnt auch, dass in der Wohngemeinschaft wieder ein Platz frei ist. Dazu wird er so zitiert: „Manchmal ist es eben schwierig. Wir arbeiten zwar schon im Vorfeld eng mit den Eltern zusammen und bieten psychologische Hilfe an. Aber manche Eltern schaffen es einfach nicht, ihre Kinder loszulassen!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 23. Oktober 2017

Die Leiter

Erlebnistag der Klasse im Wald.
Gemeinsam mit einem Trainer geht es um Teambildung.
Die Kinder sollen eine freistehende Leiter besteigen.
Die Leiter wird von den Kindern selbst gut gesichert, ist aber ziemlich wackelig.
DAS MÄDCHEN mag steile Treppen, Leitern und ähnliches überhaupt nicht.
Trotzdem geht es nach vorne.
„Super“, freut sich der Trainer.
„Du schaffst das!“, ruft die Klassenlehrerin.
Die Mitschüler feuern das Mädchen an.
Es steigt die Leitersprossen hoch.
„Du entscheidest, wie weit“, sagt der Trainer.
„So weit“, sagt das Mädchen, lässt sogar mit einer Hand los und winkt den anderen zu.
Die klatschen noch lauter.
Als das Mädchen wieder unten ist, wird es von allen fröhlich abgeklatscht.
Die Lehrerin nimmt es in den Arm.
Als Erinnerung hat sogar jemand ein Foto gemacht:
Wie das Mädchen da steht,
ganz stolz,
auf der dritten Leitersprosse.
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Montag, 16. Oktober 2017

Die Lehrprobe

In der Klasse des MÄDCHEN ist Lehrprobe.
Die junge Lehrerin ist ziemlich aufgeregt.  Man hatte ihr gesagt, eine Lehrprobe mit dem Mädchen sei besonders schwer.  Aber sie hatte einfach alle Kinder gebeten, richtig gut mit zu machen. Im Klassenzimmer sitzen heute die Schulleiterin und noch zwei weitere wichtige Menschen. Die  Klasse liest gerade "Die kleine Hexe". Die Lehrerin hat dazu viel vorbereitet: Die Kinder teilen sich in Gruppen auf. Sie schreiben zusammen eine Hexenzeitung. Jede Gruppe macht eine eigene Seite auf einem Plakat. Das Mädchen kann noch nicht viel lesen und schreiben. Also schneidet es die passenden Bilder aus. Dann ist gemeinsame Redaktionssitzung. Die Kinder lesen sich gegenseitig ihre Zeitungsseiten vor. Auch das Mädchen liest zwei Überschriften. Am Ende singen alle zusammen das Hexenlied.
Dann ist die Stunde vorbei. Die wichtigen Menschen sehen ziemlich zufrieden aus. Später werden sie sagen: „Das war vorbildlich, wie wirklich alle Kinder mitgemacht haben!“
Bevor die Lehrerin mit den anderen Erwachsenen aus der Klasse geht, kommt noch eine Schülerin auf sie zu. „Du…“, sagt sie, „können wir jetzt jedes Mal so schönen Deutsch-Unterricht machen?“
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Montag, 9. Oktober 2017

Die Kooperationsklasse

„Kooperationsklasse“ heißt die Klasse, die der JUNGE jetzt besucht.
Die Sonderschulklasse kooperiert mit einer 5. Klasse an der allgemeinen Schule.
Das sei die einzige Möglichkeit für weiteren gemeinsamen Unterricht nach der Grundschule, hatte der Schulrat erklärt.
Neben dem Klassenzimmer gibt es einen sogenannten Differenzierungsraum.
Dort sollen die Kinder mit Behinderung einzeln gefördert werden, immer dann wenn der gemeinsame Unterricht „pädagogisch keinen Sinne macht“.
Der Sonderpädagoge und die Lehrer würden das jeweils situativ entscheiden.
Deshalb könne man vorher auch keine Quote festlegen.
Die Eltern des Jungen hatten schließlich zugestimmt.
Das Schuljahr beginnt mit zwei Kennenlerntagen: Spiele, eine Kletteraktion und gemeinsames Grillen.
Heute bringt der Junge den Stundenplan mit nach Hause.
Die Mutter liest: "Kooperative Stunden sind blau gekennzeichnet“.
Die Mutter schaut sich den Plan genauer an: Alles ist weiß mit schwarzer Schrift gedruckt - ausnahmslos von Montag bis Freitag. Sie wird immer ratloser.
Doch dann entdeckt sie Donnerstag nachmittags von 14 bis 15.30 Uhr ein kleines Sternchen. Im Erklärungstext darunter steht: "Kunst im Wechsel alle 14 Tage mit Musik".
Und das Kästchen um Musik ist blau unterlegt.
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Montag, 2. Oktober 2017

Passt

„Wir suchen mit Ihnen gemeinsam die passende Schule für Ihr Kind“, steht im Flyer des Staatlichen Schulamtes.
Die Eltern wissen genau, welche Schule für DAS MÄDCHEN passt: Die örtliche Grundschule.
Passt, sagt auch die Logopädin, denn das schüchterne Mädchen spricht inzwischen viel mit den Kindern, die es aus dem Kindergarten kennt.
Passt, sagt auch die Ergotherapeutin, denn das Mädchen soll sich viel bewegen und unbedingt zu Fuß zur Schule gehen.
Passt, sagt auch der Kinderarzt. Er kennt das Mädchen schon lange und weiß, welchen großen Anteil das soziale Umfeld an seinen mühsamen Fortschritten hat.
Das Schulamt plant eine inklusive Gruppenlösung drei Ortschaften weiter: Dort ist die Schule willig, die Sonderpädagogik gebündelt und der Bustransport bereits geklärt.
„Passt“, sagt der Schulrat zufrieden und klappt die Akte zu.
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