Montag, 11. Dezember 2017

Im Zug

DER JUNGE ist im Krabbelalter. Die Mutter ist mit ihm im Zug unterwegs. Sie hat zwei Plätze in einem Sechserabteil gebucht.  Am Anfang sitzt der Junge brav auf ihrem Schoß. Ihr gegenüber arbeitet ein Mann konzentriert an seinem Laptop. Irgendwann wird es dem Jungen zu langweilig. Er fängt an, durchs Abteil zu krabbeln. Der Mann schaut kurz auf, zieht die Augenbrauen hoch und tippt dann weiter. Der Junge findet die Anzughosen des Mannes samt Bügelfalten sehr spannend. Doch die Mutter zieht ihn rechtzeitig weg, bevor er danach greifen kann. Der Mann schüttelt energisch den Kopf. Die Mutter gibt ihrem Sohn eine Zeitschrift in die Hand. Mit der sitzt der Junge jetzt sehr glücklich auf dem Boden und reißt sie in kleine Stücke. Nach einer Weile klappt der Mann seinen Laptop zu und schaut die Mutter an: „Sagen Sie, könnten Sie nicht mal den Schaffner fragen, ob es in diesem Zug ein Behindertenabteil gibt? Das wäre doch für Ihren Sohn genau richtig!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 4. Dezember 2017

Im Chor

„Und dann haben sie mich einfach allein im Raum stehen lassen und gesagt, ich soll doch mit den Kindergartenkindern mitsingen!“ Das MÄDCHEN war hell empört vom kirchlichen Kinderchor zurückgekommen, in dem sie gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester singt. 
Eigentlich probt der Schülerchor in einem barrierefreien Raum. Aber letzte Woche hatte der Chorleiter spontan mitten während der Probe mit der zweiten Chorgruppe gewechselt. Deren Proberaum hat einen Flügel und die bessere Akustik. Aber der Raum liegt eine halbe Treppe tiefer – unerreichbar für das Mädchen in seinem E-Rolli.
Die Mutter hatte daraufhin den Chorleiter angerufen und ihn gebeten, keine spontanen Raumwechsel mehr vor zu nehmen.: „Wenn ich das vorher weiß, dann bringe ich den alten Rolli ohne Motor mit. Damit kann ich meine Tochter die Treppe zum anderen Raum hinuntertragen.“
Die Chorprobe heute ist zu ende. Als die Mutter ihre Töchtern abholt, spricht der Chorleiter sie an: „Ich habe noch mal über Ihren Anruf nachgedacht. Das ist mir einfach zu viel Planungsaufwand. Ich kann schließlich nichts dafür, dass es so kompliziert mit Ihrer Tochter ist. Außerdem hatte ich damals gleich gesagt, dass ich sie nur nehme, weil die gesunde Schwester schon hier ist….“
Die Mutter drückt ihre Töchter an sich und schaut den Chorleiter entsetzt an. Doch der ist nicht zu stoppen: „Normalerweise hätte ich überhaupt kein Kind im Rollstuhl aufgenommen. Die Belastung durch so was ist einfach viel zu hoch!“ Und etwas leiser fügt er noch hinzu: „Das wird man bei aller Rücksichtnahme doch noch sagen dürfen!“
Die Geschichte vorgelesen ...