Montag, 25. Dezember 2017

Goldene Wasserhähne

DER JUNGE will Skifahren lernen.
Die Eltern sind skeptisch und versuchen, es ihm auszureden.
Sie haben Angst, dass keine Skischule bereit ist, ihn zu unterrichten.
Dann ist Jubiläumsfest des Sportvereins im Stadtteil.
Die Skiabteilung verkauft Softeis und zeigt Videos von ihren Skikursen.
Die Eltern geben sich einen Ruck und fragen, ob sie den Jungen zum Anfängerkurs anmelden können.
Sie bieten an, gleich zwei oder drei Plätze zu buchen.
Der Skischulleiter schaut sie verwundert an: „Aber dann müssten Sie ja auch den doppelten oder dreifachen Preis bezahlen…“
Die Eltern nicken und erklären: Das wäre, um den Mehraufwand auszugleichen. Der Junge braucht  bestimmt eine intensive Anleitung und viele Wiederholungen.
Da lacht der Skischulleiter: „Das brauchen viele! Wenn wir von allen Anfängern mit wenig Talent mehr Geld verlangen würden, könnten wir uns die Wasserhähne vergolden lassen!“
Dann wird er kurz ernst: „Ich glaube Ihnen schon, dass es mehr Arbeit macht, Ihrem Sohn etwas Neues beizubringen. Aber wenn Sie das als Familie schaffen, dann können wir das doch auch probieren!“
Und so einigt man sich, es mit dem Jungen einfach einmal zu versuchen.
Inzwischen saust der übrigens mit Bravour alle Hänge hinunter und will im Winter immer nur eins: In die Berge fahren!
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 18. Dezember 2017

Naheliegende Lösung

Die Eltern des JUNGEN starren ungläubig auf den Brief des Schulamtes.
Der Junge soll im Herbst eingeschult werden. Die Eltern hatten sich im Schulamt beraten lassen.  Noch während des Gespräches war für sie klar: Sie wollen Inklusion an der allgemeinen Schule. Denn sie sind sicher, dass es das Beste für ihren Jungen ist,  gemeinsam mit Nachbarskindern und Kindergartenfreunden in eine der beiden Grundschulen vor Ort zu gehen. Die naheliegende Lösung. Und der nette Schulrat wollte ihnen jetzt schriftlich einen Vorschlag für die geeignete Schule machen…
"Das muss eine Verwechslung sein! Sowas kommt ja mal vor,“ sagt die Mutter und ruft im Schulamt an.
"Nein, nein“, sagt der Schulrat, „ das ist kein Fehler! Ich hatte Ihnen doch erklärt, dass wir Inklusionsgruppen bilden. Die Schule, die wir ausgewählt haben, hat einen ausgezeichneten Ruf. Die Kollegen dort haben bereits eine Inklusionsgruppe erfolgreich durch vier Grundschuljahre begleitet. Es gibt genügend Platz und einen großen Differenzierungsraum. Der Sonderpädagoge fühlt sich im Kollegium schon wie zu Hause und der Schulhof ist komplett umzäunt!“
Der Schulrat fährt sehr bestimmt und überzeugt fort:
"Alle anderen Eltern haben schon zugestimmt. Es gibt darum auch gar keine andere Lösung, wenn Sie Ihren Sohn inklusiv beschulen lassen wollen.  Aber glauben Sie mir: Dies ist nicht nur die einzige, sondern auch die naheliegende Lösung!“
Die sprachlose Mutter legt auf und schaut ihren Mann an. Gemeinsam versuchen sie zu realisieren, dass das Schulamt ihren ABC-Schützen in eine 29 Kilometer entfernte Grundschule schicken will.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 11. Dezember 2017

Im Zug

DER JUNGE ist im Krabbelalter. Die Mutter ist mit ihm im Zug unterwegs. Sie hat zwei Plätze in einem Sechserabteil gebucht.  Am Anfang sitzt der Junge brav auf ihrem Schoß. Ihr gegenüber arbeitet ein Mann konzentriert an seinem Laptop. Irgendwann wird es dem Jungen zu langweilig. Er fängt an, durchs Abteil zu krabbeln. Der Mann schaut kurz auf, zieht die Augenbrauen hoch und tippt dann weiter. Der Junge findet die Anzughosen des Mannes samt Bügelfalten sehr spannend. Doch die Mutter zieht ihn rechtzeitig weg, bevor er danach greifen kann. Der Mann schüttelt energisch den Kopf. Die Mutter gibt ihrem Sohn eine Zeitschrift in die Hand. Mit der sitzt der Junge jetzt sehr glücklich auf dem Boden und reißt sie in kleine Stücke. Nach einer Weile klappt der Mann seinen Laptop zu und schaut die Mutter an: „Sagen Sie, könnten Sie nicht mal den Schaffner fragen, ob es in diesem Zug ein Behindertenabteil gibt? Das wäre doch für Ihren Sohn genau richtig!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 4. Dezember 2017

Im Chor

„Und dann haben sie mich einfach allein im Raum stehen lassen und gesagt, ich soll doch mit den Kindergartenkindern mitsingen!“ Das MÄDCHEN war hell empört vom kirchlichen Kinderchor zurückgekommen, in dem sie gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester singt. 
Eigentlich probt der Schülerchor in einem barrierefreien Raum. Aber letzte Woche hatte der Chorleiter spontan mitten während der Probe mit der zweiten Chorgruppe gewechselt. Deren Proberaum hat einen Flügel und die bessere Akustik. Aber der Raum liegt eine halbe Treppe tiefer – unerreichbar für das Mädchen in seinem E-Rolli.
Die Mutter hatte daraufhin den Chorleiter angerufen und ihn gebeten, keine spontanen Raumwechsel mehr vor zu nehmen.: „Wenn ich das vorher weiß, dann bringe ich den alten Rolli ohne Motor mit. Damit kann ich meine Tochter die Treppe zum anderen Raum hinuntertragen.“
Die Chorprobe heute ist zu ende. Als die Mutter ihre Töchtern abholt, spricht der Chorleiter sie an: „Ich habe noch mal über Ihren Anruf nachgedacht. Das ist mir einfach zu viel Planungsaufwand. Ich kann schließlich nichts dafür, dass es so kompliziert mit Ihrer Tochter ist. Außerdem hatte ich damals gleich gesagt, dass ich sie nur nehme, weil die gesunde Schwester schon hier ist….“
Die Mutter drückt ihre Töchter an sich und schaut den Chorleiter entsetzt an. Doch der ist nicht zu stoppen: „Normalerweise hätte ich überhaupt kein Kind im Rollstuhl aufgenommen. Die Belastung durch so was ist einfach viel zu hoch!“ Und etwas leiser fügt er noch hinzu: „Das wird man bei aller Rücksichtnahme doch noch sagen dürfen!“
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