Montag, 18. Dezember 2017

Naheliegende Lösung

Die Eltern des JUNGEN starren ungläubig auf den Brief des Schulamtes.
Der Junge soll im Herbst eingeschult werden. Die Eltern hatten sich im Schulamt beraten lassen.  Noch während des Gespräches war für sie klar: Sie wollen Inklusion an der allgemeinen Schule. Denn sie sind sicher, dass es das Beste für ihren Jungen ist,  gemeinsam mit Nachbarskindern und Kindergartenfreunden in eine der beiden Grundschulen vor Ort zu gehen. Die naheliegende Lösung. Und der nette Schulrat wollte ihnen jetzt schriftlich einen Vorschlag für die geeignete Schule machen…
"Das muss eine Verwechslung sein! Sowas kommt ja mal vor,“ sagt die Mutter und ruft im Schulamt an.
"Nein, nein“, sagt der Schulrat, „ das ist kein Fehler! Ich hatte Ihnen doch erklärt, dass wir Inklusionsgruppen bilden. Die Schule, die wir ausgewählt haben, hat einen ausgezeichneten Ruf. Die Kollegen dort haben bereits eine Inklusionsgruppe erfolgreich durch vier Grundschuljahre begleitet. Es gibt genügend Platz und einen großen Differenzierungsraum. Der Sonderpädagoge fühlt sich im Kollegium schon wie zu Hause und der Schulhof ist komplett umzäunt!“
Der Schulrat fährt sehr bestimmt und überzeugt fort:
"Alle anderen Eltern haben schon zugestimmt. Es gibt darum auch gar keine andere Lösung, wenn Sie Ihren Sohn inklusiv beschulen lassen wollen.  Aber glauben Sie mir: Dies ist nicht nur die einzige, sondern auch die naheliegende Lösung!“
Die sprachlose Mutter legt auf und schaut ihren Mann an. Gemeinsam versuchen sie zu realisieren, dass das Schulamt ihren ABC-Schützen in eine 29 Kilometer entfernte Grundschule schicken will.
Die Geschichte vorgelesen ...

13 Kommentare:

  1. Ähnlich erging es uns auch als unser Kind den Wechsel von einer Sonderschule Schwerpunkt geistige Entwicklung auf einer Regelschule vornahm.In der Sonderschule konnte unser Kind sich nicht integrieren.Er war dort unterfordert. Er verweigerte sehr oft den Schulbesuch. Der Mitarbeiter im Aufsichtsrat der Schulbehörde bot uns als erstes eine andere Sonderschule an. Da es meistens so ist, dass die Sonderschulen auch ungefähr 20-50 Km auseinander liegen und die meisten Sonderschulen Schwerpunkt geistige Entwicklung kaum Bildung vermitteln(keine Schulbücher)kam das für uns nicht in Frage. Es wäre für unser Kind so gewesen, als ob er die Cholera gegen die Pest austauschen müsste.Waren froh dann, dass unser Kind auf einer Regelschule aufgenommen wurde. Die Regelschule liegt auch nicht in unmittelbarer Nähe(5 km), aber, der Schulwechsel hat sich gelohnt.Behinderte Kinder haben es nicht leicht. Egal auf welche Schulen sie gehen, sie müssen sich immer noch anpassen, obwohl Inklusion bedeutet“ Das Schulsystem hat sich an das Kind anzupassen und nicht andersrum!“Deutschland steht am „Anfang“ der Inklusion und das seit 8 Jahren!!!!:-( So wird uns das durch Pädagogen und Medien immer wieder vermittelt.

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  2. Für ein Kind zum Beispiel mit Autismus mit extremen Wahrnehmungsprobleme ist eine lange Fahrt eine Qual. Mein Kind hält lange Fahrten mit dem Auto wegen der Reizüberflutung im Verkehr kaum aus.Er hält sich dann die Hände vors Gesicht und schreit wenn es ihm zu viel wird! Die Kinder im Bus würden dann ebenfalls unruhig werden und würden in der Schule unausgeglichen ankommen! Sie bräuchten erstmals Zeit um sich wieder zu finden!

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  3. Fan des Illustrators19.12.2017, 08:10:00

    Wow, was für eine pfiffige Darstellung!

    Die Diagonale von einer Ecke zur anderen ist die größte Distanz auf einem Blatt Papier...

    29 km...puh! Das ist ein langer Schulweg für einen ABC-Schützen!

    Ist es Ironie des Schulrates, hier von einer "naheliegenden Lösung" zu sprechen?
    Oder ist der nette Schulrat einfach betriebsblind?

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  4. In der UN-Behindertenrechtskonvention (Artikel 24) heisst es: Die Vertragsstaaten stellen sicher (...),
    - "dass "Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem inklusiven, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben;
    - dass „angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden“ und
    - dass „Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre erfolgreiche Bildung zu ermöglichen“.
    Das ist doch recht klar, „nahe liegend“ bedeutet: Das Kind geht in der Gemeinschaft, in der es lebt mit den anderen Kindern zur Schule, und es muss dort angemessen unterstützt werden! Vielleicht kann ein Jurist den zuständigen Politiker*innen und der Bildungsverwaltung eine*n Lesehelfer*in anbieten!?

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    1. Vielleicht fehlt ja auch nur ein Lehrer vor Ort, der bereit ist, jeden Nachmittag 5 Schulstunden zieldifferent vorzubereiten inklusive pro Stunde zig verschiedene Arbeitsblätter herzustellen? Das schafft nämlich kein Lehrer sein Leben lang.

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    2. Man liest immer wieder in den Medien von Pädagogen die klagen, dass man keine „gute“Inklusion in Regelschulen machen kann, weil die Bedingungen nicht stimmen! Das stimmt! Inklusion hat in Deutschland Probleme weil viele Pädagogen die Inklusion in Regelschulen machen müssen, leider nicht genug qualifiziert sind . In Berlin hat man dieses Jahr begonnen solche „gute“ Pädagogen auszubilden.In Hamburg werden sie ab 2018 ausgebildet. Leider wird das nicht in ganz Deutschland durchgeführt.Es ist immer noch ein Tropfen auf dem heißen Stein!

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    3. Es stimmt! Es fehlt vielleicht vor Ort ein motivierter,qualifizierter Pädagoge!

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    4. Man hat sich in Deutschland daran gewohnt Eltern von behinderten Kindern schlechtes Gewissen einzureden.Kinder mit erhöhtem Förderbedarf werden von Pädagogen als eine Last empfunden für denen man“jeden Nachmittag 5 Schulstunden zieldifferent vorzubereiten inklusive pro Stunde zig verschiedene Arbeitsblätter herzustellen? Das schafft nämlich kein Lehrer sein Leben lang!“
      Wenn jeder von uns mal ins Krankenhaus muss, dann will jeder den bestqualifizierten Arzt haben(Pädagogen auch).Viele dieser Ärzte machen unbezahlte Überstunden im Krankenhaus. Viele Patienten wollen dann am besten privat krankenversichert sein, damit sie genau zu den Professoren ankommen, die mit Leidenschaft ihre Arbeit machen und noch in ihrer Freizeit in der Forschung arbeiten, damit sie die beste medizinische Versorgung erhalten.Wie würden sich diese Pädagogen fühlen wenn sie zu jedem Arzt gehen und dann immer und immer wieder nur auf Gejammer stoßen. Wie würden sie sich den fühlen ,wenn man ihnen immer nur das Gefühl vermittelt ,dass sie für das Gesundheitssystem eine LAST sind mit dem Deutschland nicht klar kommt.Denn das wird behinderten Kindern und deren Angehörige seitdem Inklusion in Deutschland eingeführt wurde ständig, sei es durch Medien oder eigene Pädagogen in Schulen, vermittelt.

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    5. Ich möchte zum Adventskalender auch ein paar Vorschläge machen zum Thema "Sätze, die wir nicht mehr hören wollen!" 1. Inklusion ist gescheitert!(Aussage die man immer wieder in den Medien liest und hört)2.Inklusion steht am Anfang!(Aussagen mancher Pädagogen, und das nach 8 Jahren Inklusion in Deutschland!) 3.Inklusion funktioniert in Deutschland nicht, weil sie zu radikal eingeführt wurde.(Aussagen der Pädagogen in den Medien)

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    6. Vielen Dank! Leider ist unser Kalender schon "voll". Ja, es gibt einfach zu viele Sätze, die wir nicht mehr hören wollen...

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  5. Antwort auf...“Vielleicht kann ein Jurist den zuständigen Politiker*innen und der Bildungsverwaltung eine*n Lesehelfer*in anbieten!?“. Politiker kennen die Situation ganz genau. Sie schieben das Thema Behindertenpolitik nach der Devise „Aus dem Auge aus dem Sinn!“, den kommenden Generationen zu.Wenn man es gewollt hätte das Inklusion in Deutschland funktioniert, dann hätte man es geschafft! Der Wille ist seitens der Politiker nicht da! Es ist einfach verantwortungslos!

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    1. Das tönt sehr resigniert; ich will das anders sehen:
      1. Es gibt "die" Behinderten nicht. Alle sind verschieden. Genau so wenig gibt es "die" Politiker*innen, "die" Lehrer*innen, "die" Eltern, "die" Schulräte.
      2. Oft ist es so, dass sich einzelne Menschen etwas Anderes, als das was sie bereits kennen, nicht vorstellen können. Es fehlen ihnen die Bilder, die Erfahrungen. Da sind Gespräche, gelingende "Geschichten", Filme, d.h. andere Erlebnisse und Perspektiven oft durchaus hilfreich.
      3. Ebenso ist es nötig, Menschen, die in der Gesellschaft demokratische Verantwortung übernehmen, auf Bedürfnisse aufmerksam zu machen, Wünsche zu formulieren und auf gesetzliche Vorgaben hinzuweisen. - Dafür ist dieser Blog ein überzeugendes Bespiel!
      4. Ich habe mir schon mehrfach überlegt, wie diese "Naheliegende Lösung" mit den vielen klugen Kommentaren gezielt zu den Adressat*innen kommen könnten. Ich meine, das könnte durchaus Wirkung haben.
      5. Statt "den" Politikern in Deutschland (vgl. Kommentar vom 20.12.2017) pauschal den guten Willen abzusprechen, ist es eher hilfreich, immer wieder den Versuch zu wagen, sie mit ins Boot zu holen.

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  6. "mit den vielen klugen Kommentaren"?

    Vielleicht braucht nicht der Schulrat einen Lesehelfer, sondern so mancher Inklusionsbefürworter ein paar Semester Pädagogik, einige Schulpraktika in SEHR heterogenen Klassen (heterogen ist JEDE Klasse!), jede Menge Erfahrung in Klassenführung und Didaktik, dann wären die Kommentare realistischer und etwas weniger naiv.

    Mutter eines behinderten Kindes mit mehrjähriger Unterrichtserfahrung

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Danke für Ihre Anmerkung. Wir behalten uns vor, diese hier zu veröffentlichen.