Montag, 29. Januar 2018

Hoffentlich

Die Mutter DES MÄDCHENS ist schwanger. Inzwischen sieht man den Babybauch schon deutlich. Das Mädchen freut sich auf sein Geschwisterchen.
Heute haben sie sich mit einer Freundin aus dem inklusiven Kindergarten  verabredet, deren Tochter im Rollstuhl sitzt. Sie wollen gemeinsam ins Schwimmbad gehen. Auf dem Weg dorthin möchte die Bekannte noch schnell etwas in einem Laden abholen. Doch der Eingang hat eine hohe Stufe. Keine Chance, dort mit dem Rollstuhl reinzukommen.
Also bittet sie die Mutter des Mädchens, mit den beiden Kindern draußen zu warten.  Ein paar Meter neben dem Eingang ist eine Bank. Die Mutter setzt sich dort in den Schatten und legt die Hand auf ihren Bauch. Ihre Tochter blättert in einem Buch und brabbelt dabei vor sich hin. Die Tochter der Freundin fährt fröhlich in ihrem Rollstuhl hin und her.
Da bleibt eine Frau stehen. Sie schaut auf die Kinder und dann die Mutter intensiv an. "Ach, die Kinder sind ja arme, unschuldige Geschöpfe!“, sagt sie, „aber Sie haben’s hoffentlich diesmal rechtzeitig kontrollieren lassen - damit Sie es noch hätten wegmachen lassen, wenn es auch wieder missgebildet ist!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 22. Januar 2018

Steine

Die Klasse ist im Landschulheim.
Dort geht es auch um die Klassengemeinschaft.
Alle Kinder sollen sich einen Stein suchen.
DER JUNGE findet in der Nähe einen riesengroßen. Weil er ihn nicht tragen kann, bleibt er einfach darauf sitzen.
Nun sollen die Kinder die Steine aufeinanderschichten, so dass ein hohes Steinmännchen entsteht.
Schnell ist ihnen klar: Der Stein des Jungen muss ganz unten liegen.
Drei Klassenkameraden helfen ihm, den Stein zum Bauplatz zu schleppen.
Jetzt legen alle Kinder nach und nach vorsichtig die Steine aufeinander.
Am Ende hat nur noch eines einen Stein. Es ist ein Mädchen, das immer besonders zappelig ist.
Die anderen sind oft von ihm genervt.
Es nimmt seinen klitzekleinen Stein und geht zum Steinturm.
Die anderen halten den Atem an. Es ist mucksmäuschenstill.
Ganz behutsam legt das Mädchen seinen Stein auf den obersten Stein. Er bleibt liegen.
Alle Kinder klatschen.
Doch jetzt wollen alle schnell zurück ins Landschulheim. Es gibt Nudeln.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 15. Januar 2018

Freiwillig

Die Eltern des MÄDCHENS sind zum Gespräch eingeladen. Die Schulleiterin der Grundschule, die Klassenlehrerin und die Sonderpädagogin vom Gehörlosenzentrum warten schon.
„Wir haben Sie heute beide hierher gebeten“, beginnt die Schulleiterin, „weil wir Ihnen vorschlagen möchten, dass Ihre Tochter die Klasse freiwillig wiederholt."
Die Eltern schauen sich überrascht an. "Aber wir dachten, es läuft doch ganz gut …“, erwidert die Mutter.
Die Klassenlehrerin übernimmt: „Ja, so einigermaßen. Aber die Mitarbeit ist oft schwierig. Ich muss Ihrer Tochter immer noch einmal extra sagen, dass sie auch das richtige Heft herausnimmt. Und sie ist oft deutlich langsamer als die anderen Kinder." Die Sonderpädagogin ergänzt: „Es wäre einfach gut, wenn sie mit ihrer Behinderung noch etwas mehr Zeit bekäme ..."
Die Mutter runzelt die Stirn: "Das richtige Heft müssen bestimmt auch andere erst einmal suchen, oder? Das Wichtigste war doch, dass jetzt endlich die neue Tonübertragungsanlage installiert wurde. Vorher hat meine Tochter Sie ja teilweise gar nicht verstanden."
"Da haben Sie Recht“, bestätigt die Schulleiterin, "aber behindert bleibt sie ja trotzdem …“
"In der jetzigen Klasse sind alle ihre Freundinnen“, gibt der Vater zu bedenken, "sagen Sie uns doch bitte erst einmal, wie sehr sich unsere Tochter verschlechtert hat. Mit welchen Noten müssen wir denn rechnen?"
Die Klassenlehrerin klappt ihr Notizbuch auf: "In Deutsch steht sie zwischen 3 und 4, in Mathe ist es eine 2, und in den anderen Fächern überall zwischen 2 und 3."
Die Eltern schauen sich an. „Komm“, sagt der Vater zu seiner Frau, „wir gehen!"
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Montag, 8. Januar 2018

Munter

DER JUNGE ist begeistert vom Pool der Ferienanlage.
Besonders die Wasserrutsche hat es ihm angetan.
Immer wieder klettert er die Leiter hinauf und rutscht, bis er ganz außer Atem ist.
Die Mutter bemerkt, wie eine Frau immer wieder zu ihm schaut.Die Mutter setzt sich auf eine Bank neben das Schwimmbecken.
Die Frau, die den Jungen beobachtet hatte, setzt sich neben sie.
Die Frau sagt vorsichtig: "Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?"
"Oh je…" denkt die Mutter, „jetzt geht es gleich wieder um die Behinderung!“ Allzu oft ist sie von wildfremden Menschen darauf angesprochen worden, ob die Diagnose denn schon vor der Geburt fest stand. Und sie mag nicht immer wieder erklären, dass ihre Familie nicht von einem fürchterlichen Schicksalsschlag getroffen worden ist.
"Entschuldigen Sie“, sagt die Frau jetzt noch einmal, „dass ich Ihren Sohn so angestarrt habe. Aber das ist doch die Narbe von einer Herzoperation, oder? Wissen Sie, mein Vater liegt gerade im Krankenhaus. Er wird am Herzen operiert."
Es entwickelt sich ein interessantes Gespräch über die Möglichkeiten der heutigen Herzchirurgie.
Nachdenklich schaut die Frau am Ende noch einmal zum Becken.
„So munter. So fröhlich. Und mittendrin. Diese Lebensqualität wünsche ich mir auch für meinen Vater wieder so sehr“, sagt sie, bevor sie sich von der Mutter verabschiedet.
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Montag, 1. Januar 2018

Schreiben

DAS MÄDCHEN ist sehr zufrieden: Mit großen ordentlichen Buchstaben hat es gerade auf der Karte für Oma unterschrieben.
Und auch alle Geschenkanhänger hat es selbst geschrieben: Für Mama, für Papa und für Bruder Ben.
Dann hat Mama auch noch erlaubt, dass das Mädchen in Schönschrift alle Tischkarten für das Weihnachtsessen herstellen darf. Das Mädchen ist stolz, dass es das so gut hinbekommen hat.
Und weil das Schreiben gerade so viel Spaß macht, schnappt sich das Mädchen jetzt auch noch eine Zeitung und überträgt alle Überschriften feinsäuberlich in ein Schulheft.
In der Schule wurde die letzte Woche vor den Ferien nur gebacken und gebastelt.
Als die Mutter das Mädchen am letzten Schultag abgeholt hatte, hatte ihr die Lehrerin die Hand auf die Schulter gelegt und leise zum Abschied gesagt:
„Gel, aber in den Ferien quälen Sie Ihre Tochter nicht mit Schreibübungen! Gerade für die Behinderten sind die Ferien doch besonders wichtig.“
Die Geschichte vorgelesen ...