Montag, 8. Januar 2018

Munter

DER JUNGE ist begeistert vom Pool der Ferienanlage.
Besonders die Wasserrutsche hat es ihm angetan.
Immer wieder klettert er die Leiter hinauf und rutscht, bis er ganz außer Atem ist.
Die Mutter bemerkt, wie eine Frau immer wieder zu ihm schaut.Die Mutter setzt sich auf eine Bank neben das Schwimmbecken.
Die Frau, die den Jungen beobachtet hatte, setzt sich neben sie.
Die Frau sagt vorsichtig: "Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?"
"Oh je…" denkt die Mutter, „jetzt geht es gleich wieder um die Behinderung!“ Allzu oft ist sie von wildfremden Menschen darauf angesprochen worden, ob die Diagnose denn schon vor der Geburt fest stand. Und sie mag nicht immer wieder erklären, dass ihre Familie nicht von einem fürchterlichen Schicksalsschlag getroffen worden ist.
"Entschuldigen Sie“, sagt die Frau jetzt noch einmal, „dass ich Ihren Sohn so angestarrt habe. Aber das ist doch die Narbe von einer Herzoperation, oder? Wissen Sie, mein Vater liegt gerade im Krankenhaus. Er wird am Herzen operiert."
Es entwickelt sich ein interessantes Gespräch über die Möglichkeiten der heutigen Herzchirurgie.
Nachdenklich schaut die Frau am Ende noch einmal zum Becken.
„So munter. So fröhlich. Und mittendrin. Diese Lebensqualität wünsche ich mir auch für meinen Vater wieder so sehr“, sagt sie, bevor sie sich von der Mutter verabschiedet.
Die Geschichte vorgelesen ...

2 Kommentare:

  1. Fan des Illustrators08.01.2018, 08:02:00

    Oh, was für eine super schöne Zeichnung!

    So spielerisch!
    "So munter. So fröhlich. Und mittendrin!"

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  2. Eine wunderschöne Geschichte, die viel Ruhe ausstrahlt. Ich werde auch manchmal von wildfremden Menschen angesprochen, wenn ich mit meinem autistischem Kind unterwegs bin. Da mein Kind in sein Verhalten sehr auffällig ist (lautiert, wedelt mit den Händen...), fällt er in einer Menschenmenge gleich auf! Die meisten haben dann das Bedürfnis mich zu trösten. Ich kriege dann Sätze zu hören, wie:“Es wird schon!“, oder „Es gibt Schlimmeres!“. Sie wissen nicht ,wie sie damit umgehen sollen. Sie vergleichen eine Behinderung mit einer Prellung, die irgendwann heilen wird!Manche sind neugierig und gleichzeitig verlegen. Manch andere sind richtig penetrant und starren ununterbrochen! Die Frau in der Geschichte hat sich meiner Meinung nach richtig verhalten. Sie hat höfflich gefragt was der JUNGE hat. Diese Menschen sind mir am liebsten. Kein Mensch ist allwissend auf die Welt gekommen.

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