Montag, 26. Februar 2018

Träume

Die Mutter DES MÄDCHENS bekommt Besuch von einer Freundin. Gemeinsam trinken sie Kaffee: Die Mutter, die Freundin, das Mädchen im E-Rolli, und ihre nicht behinderte Schwester.
Die Freundin fragt das Mädchen, wie denn ihr Schnupper-Praktikum im Baumarkt war. Und das Mädchen fängt an zu schwärmen: Von den vielen wundervollen Pflanzen in der Gartenabteilung, den tollen Kollegen, netten Kunden und dem super Chef, der ihr sogar eine Liege zum Ausruhen organisiert hatte, weil sie wegen der starken Schmerzen nur immer kurze Zeit in ihrem Rollstuhl sitzen kann. 
„Ich finde das sowieso den idealen Job für dich“, plappert ihre Schwester fröhlich drauf los: „Du begrüßt die Kunden am Eingang und suchst ihnen eine Pflanze aus, die zu ihnen passt!“ Die Mädchen kichern. „Aber sie dürfen dann doch noch kaufen, was sie eigentlich wollen…“, ergänzt das Mädchen. Ihre Schwester nickt: „Ja, und du saust mit deinem Rolli dann so schnell zum richtigen Regal, dass nur noch die Sportlichsten hinterherkommen!“ Wieder Gekicher.
Doch plötzlich wird das Mädchen ernst: „Ich weiß, dass das Quatsch ist. Ich weiß, dass ich für alle nur eine große Belastung bin. Ich kann das  Leben, das alle anderen führen, nicht mitmachen. Aber im Baumarkt war es einfach so schön, weil ich wenigstens den anderen beim ganz normalen Leben zuschauen durfte.“
Die Mutter springt vom Tisch auf und rennt hinaus. Die Freundin folgt ihr und findet sie weinend in der Küche. Sie nimmt die Mutter in den Arm. „Es ist doch nur so ein kleiner, ein so bescheidener Traum“, schluchzt die Mutter, „aber niemand, wirklich niemand, wird sie dabei unterstützen, dass er wahr wird!“
Die Geschichten vorgelesen ...

Montag, 19. Februar 2018

Die Buchvorstellung

Buchvorstellung in der Klasse DES JUNGEN. Alle haben irgendein Buch gelesen und stellen es der Klasse vor. Wie immer sind die Eltern dazu eingeladen.
Die Mutter erinnert sich noch gerne an die Buchvorstellung im vergangenen Jahr. Da konnte der Junge noch gar nicht lesen und auch noch nicht viel sprechen. Damals hatte er gemeinsam mit seiner Schulbegleiterin ein Puppenspiel zum Buch aufgeführt. Er musste eine Puppe spielen und ein paar einfache Sätze sagen. Am Ende war er megastolz.
Heute stellt er sein Erstleser-Buch ganz alleine vor.
Alle Kinder hören aufmerksam zu.
Anschließend gibt es viel Lob. Zum Beispiel wird dafür gelobt, dass er sich sehr bemüht hat, alles deutlich auszusprechen.
Der Junge nickt.
Die Mutter lächelt und freut sich.
Es gibt auch Kritik. Ein Mädchen meldet sich und sagt: „Du kannst ruhig mehr Pausen lassen, wenn du etwas vorliest.“
Der Junge nickt wieder.
Und die Mutter lächelt und freut sich.

Montag, 12. Februar 2018

Beförderung

Elternversammlung im Kindergarten einer Elterninitiative. Die Mutter DES JUNGEN ist dort besonders engagiert. Sie trägt sich regelmäßig zu den Kochdiensten ein und arbeitet in der Finanzgruppe des Fördervereins mit. Das ist viel Arbeit, aber auch nett.
Der Junge fühlt sich sehr wohl im Kindergarten. Er versteht sich gut mit den anderen Kindern und hat viele Freunde gefunden. Es war gar nicht so einfach gewesen, einen barrierefreien  Kindergarten zu finden, der dann auch noch bereit war, ein Kind im Rollstuhl aufzunehmen. Auch deswegen nimmt sich die Mutter so viel Zeit für die Mitarbeit dort. Denn eigentlich ist sie mit den vielen Arzt- und Therapieterminen und all den Anträgen an Kranken- und Pflegekasse schon mehr als ausgelastet.
In der Versammlung heute geht es die Fahrtkostenzuschüsse der Kommune. Bislang hatte die immer freiwillig allen Eltern, die aus der weiteren Umgebung kommen, einen kleinen Teil der  entstandenen Fahrtkosten erstattet. Jetzt wurde dieser Zuschuss gestrichen. Die Mutter berichtet: "Wir von der Finanzgruppe haben wirklich alles versucht. Aber es gibt nun einmal keine Rechtsgrundlage und damit auch keinen Anspruch. Unser Vorschlag ist, dass ihr euch noch mehr als bislang zu Fahrgemeinschaften zusammenschließt, um eure Kosten zu senken.“
Nach dem Ende der Versammlung stehen die Eltern noch zusammen und unterhalten sich. Da kommt ein Vater auf die Mutter zu und sagt: "Ihr wart einfach nicht hartnäckig genug bei den Verhandlungen mit der Kommune! Aber klar, wenn ich das so gut hätte wie du... Dein Kind wird ja jeden Morgen mit dem Taxi von zu Hause abgeholt und nachmittags wieder zurückgebracht."
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 5. Februar 2018

Party

DER JUNGE wohnt in einer Wohngruppe der Behinderteneinrichtung.
"Jugendliche und junge Erwachsene finden hier eine altersentsprechende Wohnmöglichkeit, die auf die Bedürfnisse junger Menschen im Übergang  zum Erwachsenenalter ausgerichtet ist“, so steht es  auf der Webseite. Doch der Junge ist nicht wirklich zufrieden. Vor allem an den Wochenenden, an denen er nicht seine Eltern besucht, langweilt er sich.
Aber dieses Wochenende hat sich seine Tante angekündigt. Ihre Familie will den Jungen zu einem Ausflug mitnehmen. Am Samstagmorgen wird er abgeholt. Die Betreuerin bittet die Tante, ihn spätestens nach dem Abendessen um 20 Uhr zurückzubringen. 
Den ganzen Tag verbringt der Junge nun mit der Familie seiner Tante im tropischen Spaßbad.  Gemeinsam mit seinen Cousins genießt er das Wellenbecken, die vielen Wasserrutschen und den Indoor-Strand mit echtem Sand und Beachvolleyball. Zum Abschluss gehen alle noch riesige Hamburger essen. Pünktlich um 20 Uhr treffen sie wieder in der Wohngruppe ein. Die Tante und seine Cousins sehen sich verblüfft um: Im großen Aufenthaltsraum tragen alle Mitbewohner des Jungen schon Schlafanzüge. "Was soll denn das hier werden?" fragt einer der Cousins, „‘ne Pyjamaparty?"
Die Betreuerin wendet sich entschuldigend an die Tante: "Sie müssen wissen - der knappe Personalschlüssel…“
Die Geschichte vorgelesen ...