Montag, 26. März 2018

Sehen

DAS MÄDCHEN ist körperlich stark behindert.
Und es trägt eine Brille wegen Kurzsichtigkeit.
In der örtlichen Grundschule kommt es einigermaßen zurecht. Eine Sonderpädagogin unterstützt es und ein anderes Kind.
Doch es fällt dem Mädchen immer schwerer, von der Tafel abzuschreiben oder abzumalen.
Die Mutter bekommt mit, dass die Lehrerinnen etwas von „vielleicht doch geistig behindert“ tuscheln.
Was ist denn bloß los? Aus dem Mädchen selbst nicht so recht etwas herauszubekommen.
Routinemäßig geht es wieder einmal zum Augenarzt. Als der Arzt seiner Sprechstundenhilfe die Werte diktiert, horcht die Mutter auf. Sehfähigkeit bei nur 2 Prozent?
Sie fragt nach. „Ja, ungefähr 2 Prozent“, bestätigt der Arzt.
„Können Sie mir die Werte auf einem Attest bestätigen?“, bittet die Mutter.
Denn jetzt ist ihr klar, dass ihre Tochter auch Unterstützung durch eine Lehrkraft braucht, die sich mit Sehbehinderungen auskennt.
Der Arzt schaut sie verständnislos an: „Was wollen Sie denn mit den Werten? Bei so einer schweren Körperbehinderung kommt es doch auf das Sehvermögen sowieso nicht mehr an!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Mittwoch, 21. März 2018

Rechnen

(zum Welt-Down-Syndrom-Tag)

DER JUNGE lernt rechnen.
In der Grundschule wurde zuerst mit roten und blauen Holzplättchen addiert.
Der Junge mochte aber keine Farben und hatte immer alles in grau in sein Heft gemalt. Verstanden hatte er es auf diese Art nicht wirklich.
Später rechnete er dann mit dem Abakus. Das ging ganz gut. Bis zehn konnte er auch ziemlich sicher mit den Fingern rechnen.
Die Mutter hatte den Lehrern einmal das „Yes-we-can“-Material vorgeschlagen. „Das haben wir uns schon angeschaut“, sagten diese, „aber das fanden wir nicht so toll.“
Jetzt, an der weiterführenden Schule hat er eine Lehrerin aus einem anderen Bundesland. An ihrer alten Schule wurde ganz spezielles Rechenmaterial entwickelt. Das möchte sie jetzt auch mit dem Jungen machen. Der Abakus verschwindet im Schrank. Doch nach einem Schuljahr lässt sie sich an eine andere Schule versetzen.
Die nächste Mathelehrerin ist ein großer Fan von Montessori-Material. Sie schafft erst einmal Rechenperlen an. Doch mit denen spielt der Junge lieber als er rechnet.
Gut, dass bald schon wieder ein neuer Sonderpädagoge kommt. Bei ihm wird grundsätzlich mit dem Zahlenstrahl gerechnet. Fingerrechnen ist verpönt. Der Junge bekommt nur dann ein Lob, wenn er ohne Finger gerechnet hat. Leider versteht der Junge nicht, dass er bei „Minus“ auf dem Strahl in die andere Richtung rücken muss. Mit den Fingern hatte das immer gut geklappt. Doch als die Mutter es mit ihm zu Hause so machen will, schüttelt er den Kopf: „Keine Finger!“, sagt er streng.
Die Mutter gibt schließlich auf, setzt sich aufs Sofa und blättert in einer Fachzeitschrift. Dort fällt ihr Blick auf einen Artikel, in dem ein Experte zitiert wird. Er sagt: „Die meisten Kinder mit Down-Syndrom sind in Mathematik eben doch sehr sehr schwach“. 
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 19. März 2018

Der Job

DAS MÄDCHEN hat einen Job. Einen richtigen festen bezahlten Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Es arbeitet in einem Altenheim.
Der Weg dahin war weit, auch für die Mutter des Mädchens:
Praktikumsplätze suchen.
Das Mädchen stärken und motivieren.
Immer wieder kleine und große Probleme lösen.
Einen Coach finden.
Rückschläge aushalten.
Umwege gehen.
Viele Anträge stellen.
Und an vielen Runden Tischen sitzen.
Doch nun ist es geschafft.
Bei der Weihnachtsfeier des Altenheims trifft sie die Leiterin.
„Ich wollte mich noch einmal ganz herzlich bei Ihnen bedanken!“, sagt die Mutter.
Die Leiterin sieht sie irritiert an:
„Wofür? Ich muss mich bei Ihnen bedanken, dass Sie so eine fantastische Mitarbeiterin zu uns gebracht haben!“
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Montag, 12. März 2018

Eine Frage

Die Mutter DES MÄDCHENS ist ziemlich durcheinander.
„Du, es ist mir ja ein bisschen peinlich, aber: Ich muss dich mal was fragen…“ Am Telefon ist ihre Freundin, die Anwältin.
Und dann holt sie erst einmal etwas aus: Seit Wochen streiten sich die Eltern mit der Schule über die Förderung des Mädchens.
Sie möchten, dass es lesen und schreiben lernt.
Immer, wenn sie zu Hause mit ihm lernen, zeigt es, dass es das kann. Auch wenn alles sehr langsam voran geht.
Die Schule möchte die „lebenspraktischen Fähigkeiten“ fördern:
Das Mädchen bastelt und schneidet aus. Es malt ein Bild nach dem anderen. Und wenn die anderen lesen, geht die Schulbegleitung mit ihm in die Schulküche, sortiert die Besteckkästen und legt die Handtücher zusammen. 
Die Eltern möchten mehr. Die Lehrer sagen, in die schulische Förderung dürften sie sich nicht einmischen. Bei dem Wort „Erziehungspartnerschaft“ hatte die Lehrerin die Augenbrauen hoch gezogen.
Nun soll morgen ein weiteres Gespräch stattfinden. Mit dabei ist auch ein Vertreter des Schulamtes.
„Und da muss ich jetzt einfach mal fragen“, sagt die Mutter, „ob das eigentlich irgendwo steht, dass unsere Tochter auch das Recht hat, lesen und schreiben zu lernen? Im Schulgesetz oder so?“
Die Freundin schweigt einen Moment und sagt dann:
„Alle Kinder dürfen das lernen! Das ist ein Menschenrecht!“
Jetzt schweigt die Mutter. Dann sagt sie leise:
„Sorry, aber manchmal macht mich das hier alles ganz irre!“
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Montag, 5. März 2018

Danke

DAS MÄDCHEN hat einen Platz an der allgemeinen Schule bekommen.
In der einzigen „Inklusionsklasse“.
Gemeinsam mit anderen Kindern mit Behinderung.
Die Schule hat damit bereits Erfahrung.
Heute ist der erste Elternabend.
Die Lehrerinnen stellen das Konzept vor.
Am Ende meldet sich der Vater eines Jungen.
„Ich wollte noch einmal sagen“, beginnt er vorsichtig, „dass ich wirklich sehr dankbar dafür bin, dass mein kranker Sohn hier jetzt gemeinsam mit Ihren Kindern lernt.“
Die anderen Eltern schweigen ein bisschen verlegen.
Als der Elternabend zu Ende ist und sich alle verabschieden, spricht die Lehrerin den Vater noch einmal an:
„Das haben Sie vorhin wirklich schön gesagt!“ sagt sie zu ihm und legt ihm behutsam die Hand auf die Schulter,
„die Eltern, die vor Ihnen ihre behinderten Kinder hier hatten, haben immer nur gefordert. Das und das und das muss sich in der Inklusion verändern. Da tut es so gut, wenn jemand einfach mal nur dankbar ist, dass sein Kind hier sein darf!“
Die Geschichte vorgelesen ...